Lieber Salman Rushdie, vor ein paar Tagen habe ich Sie im Fernsehen gesehen, in einem der spätabendlichen Minderheitenprogramme, in denen die wenigen Zuschauer noch einmal in regionale Teilmengen gesplittet werden, damit es bloß nicht zu viele auf einen Schlag für einen schönen und informativen Film werden. Dagegen waren einem Mehrheitspublikum zur besten Sendezeit die Nachrichten von Ihren spektakulären Reisen zu Politikern ins Haus gestrahlt worden. Was nahelegt, nicht Ihre extremen Lebensbedingungen unter der anhaltenden Bedrohung der Fatwa seien von Belang, sondern unsere Politiker, die unter allen möglichen Vorwänden (Hände schütteln, Münder öffnen, Sprechblasen absondern) auf der Höhe der Mattscheibe sind.

"Dichter, Tod und Teufel, Salman Rushdie" – unter diesem wunderlich-barocken Titel entfaltete sich ein klar strukturierter Film von Detlef Siebert und Mark Walsh (WDR/HR). Sie haben darin den Deutschen, den wenigen, die Sie sehen konnten, deutliche Worte gesagt. Daß Sie es satt seien, bei Politikern Türen einzurennen. Sie sprachen von Deutschland als einem der größten Importländer für den Iran und von der Herausforderung, diese Schlüsselrolle für Interventionen in Ihrer Sache zu nutzen. Sie glauben, daß kein Land der Welt mehr Druck auf den Iran ausüben könnte als Deutschland. "Übergeordnete politische Interessen", so hieß die im Film zitierte Verlautbarung, hätten es dem deutschen Bundespräsidenten unmöglich gemacht, mit Ihnen ein Gespräch zu führen. In Deutschland geht Handelspartnerschaft über alles, und in den muslimischen Ländern mit ihrer Tradition der Glaubens brüderschaft weiß man das zu schätzen.

Man sah in diesem Film Bilder aus Bradford, der muslimischen "Hauptstadt" Großbritanniens, wo die ersten Exemplare Ihres Buches verbrannt wurden. Man sah zu Wohlstand oder zumindest einem kleinbürgerlichen Auskommen gelangte Einwanderer der zweiten Generation aus Indien und Bangladesch. Ein kleiner Junge krähte ins Mikrophon: "Ich töte ihn!" Eine biedere junge Frau sprach davon, sie hätte Sie nach der Lektüre der "Satanischen Verse" erwürgen können. Diese keinesfalls metaphorisch klingenden Drohungen von ebenjenen entwurzelten und sich gleichzeitig mit Rigidität an das Herkommen klammernden Menschen, denen Ihre Arbeit gilt, waren erschütternd. Mit dem Pathos eines Neubekehrten, das die westlichen Menschen vorwiegend von trockenen Trinkern kennen, spricht ein junger Fundamentalist in Bradford davon, daß er "ein besserer Mensch" geworden sei, seit er nach den Worten des Propheten lebe.

Sie sagten, daß Sie nun wieder zum Schreiben zurückkehren wollten. Das ist eine gute Nachricht. Sie sagten, Sie hätten genug getan, um die Regierungen dazu zu bringen, Ihren Fall aufzugreifen. Ihren Fall, der längst kein Einzelfall mehr ist. In Bangladesch, Algerien, der Türkei bezahlen laizistische Intellektuelle in diesen Monaten für ihre liberale Haltung mit dem Leben oder ihrer physischen Unversehrtheit. Sie nannten Beispiele. Es war eine Freude zu sehen, daß die Verhandlungen mit Staatspräsidenten und Außenministern Sie weder verbittert noch zu irrealen Hoffnungen animiert, sondern in einer kristallklaren Distanz zurückgelassen haben. Unter den extremen Lebensbedingungen der länger als fünf Jahre andauernden Fatwa sind Sie nicht Herr der Lage geworden, aber doch Herr im eigenen Haus der Wahrnehmungen und Empfindungen.

So souverän, so in sich ruhend haben Sie nicht immer in Interviews gewirkt, und nicht alle Fernsehjournalisten hatten den Takt von Detlef Siebert und Mark Walsh, das Tremolo der Betroffenheit, das nur für einen Augenblick die Aussage von Günter Grass in den Film brachte, zu vermeiden.

In Ihrem Kinderbuch "Harun und das Meer der Geschichten", das unter den rabiaten Bedingungen der Todesdrohung entstanden ist, spiegelt sich viel von der Bedrückung, in der das Erzählen nicht mehr hilft gegen die düstere Wirklichkeit, gegen die Fabriken, wenn sie in tief hängenden Schwaden Traurigkeit verbreiten. "Der Dunst der Trübsal", den der kleine Harun erkennt und der ihm und seinem Vater den Atem verschlägt, ist wohl der gefährlichste Bodennebel, in den ein Geschichtenerzähler geraten kann. Er sieht nicht mehr in die Weite, die Proportionen verändern sich, die Leichtigkeit erstickt.

Die beiden Filmer haben Ihren langen, ernsthaften Monolog, der keine Philippika war, sondern eine ruhige Verfertigung von Gedanken beim Reden, in einer aufgelassenen Fabrikhalle aufgenommen. Sie, Salman Rushdie, saßen in dem großen, kahlen Raum an einem ruppigen, kleinen Tisch, auf dem eine altmodische Reiseschreibmaschine stand. Die Buchstabenhebel hackten heftig aufs Papier. (Nun ja, was für gleichförmige Bilder erzeugt das Schreiben, wenn "Schreiben" selbst ein abgegriffenes Bild ist!)