MÜNCHEN. – Wir Bayern haben zwar nicht immer, aber meist die Nase vorn. Das aktuellste Beispiel hierfür lieferten jüngst nicht nur die meisterlichen Balltreter der Beckenbauer-Staffel, sondern auch das Bayerische Fernsehen in seinem dritten Programm:

Wo sich nämlich andern- und außerbayerischenorts der Fernsehzuschauer nächtens nur durch öde Testbilder, verträumt vor sich hin hüpfende Arte-Schäfchen oder bestenfalls Wiederholungen von Wiederholungen von Denver-Clan-Folgen zappen kann, greift Bayern 3 seit Monatsbeginn nachtnächtlich nach den Sternen. „Space Night“ heißt die Sendung ohne Spielhandlung, die uns Hiesigen zeigt, wie es im All über dem Freistaat (wie weit reicht Bayern eigentlich nach oben in die Milchstraße hinein?) aussieht. Sie beginnt, wenn alle braven Bayern längst im Bett liegen, und bietet spät heimkommenden Nachtschwärmern und sonstigen Schlaf- und Ruhelosen wahre Sternstunden. Schluß ist immer so zwischen fünf und sieben Uhr morgens, wenn die echte Sonne über Lederhosenland aufgegangen ist, der erste Hahn in Gau und Weiler die Hühner weckt und unser Bayerischer Rundfunk mit „Bayerntext für alle“ und „Tele-Gym“ vom nächtlichen Space-Trip in die Niederungen des Alltags zurückkehrt.

Die Bilder, so viel muß man jenseits allen Lokalpatriotismus eingestehen, kommen sämtlich von der amerikanischen Nasa, der europäischen Esa und der deutschen Dara. Sie sind alle aus dem All, alle echt und alle vom Allerfeinsten: also kein getürktes Mattscheiben-Schneegestoiber, das einem als Magnetsturm von der Sonne angeboten wird, und auch kein CSU-schwarzer Bildschirm, der für ein Schwarzes Loch herhalten soll. Dafür gibt es zu Beethoven- und Pink-Floyd-Klängen ein heiteres Kontinenteraten (Oman von oben? Der Hindukusch aus mehreren hundert Kilometer Höhe?), Bilder vom Arbeitsalltag der Astronauten und Kosmonauten sowie Aufnahmen von der Sonnensonde Ulysses, Bilder von den Reparaturarbeiten am Hubble-Teleskop und immer wieder den Blick hinaus ins All. Vieles davon sind bislang unveröffentlichte Filme. Dies gilt nicht für die „Space Night“ am 21. Juli. Denn da wird die Original-Live-Übertragung von der Mondlandung wiederholt. Die Sendung wird so gestartet, daß die Zuschauer exakt um 3.56 Uhr noch einmal dabei sind, wenn Neil Armstrong seinen Fuß auf den Trabanten setzt: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit.“

Die Vorteile dieser abgehobenen Late Night Shows sind kaum alle aufzuzählen: Verliebte können sich vor die Glotze knallen und sich den nächtlichen Spaziergang im Park (eh zu gefährlich) und die sternenbefunkelte Kahnfahrt auf dem Starnberger See (eh zu feucht) sparen. Hunde können vom warmen Körbchen aus den Mond anbellen, und Poeten mit romantischer Ader brauchen keinen einzigen Schritt mehr zur Inspiration vor die Tür zu tun. Auch der Einfluß auf Kinder und Jugendliche kann nicht hoch genug bewertet werden: Der Blick ins All wird eine Generation herausragender Astronauten gebären, und sie werden alle wie Thomas Gottschalk aus Franken oder der Oberpfalz, aus Ober- oder Niederbayern kommen. Wetten, daß!

Und weil das Universum unendlich scheint, gehen auch die Bilder davon in Richtung Infinität. Für die nächsten Lichtjahre Nachtprogramm auf Bayern 3 ist zumindest ausgesorgt. Mit vielleicht noch ungeahnten Folgen für die Bevölkerung, wie bereits vom Autor am eigenen Leib erspürt. Sollten also in diesem Artikel gähnend langweilige Passagen und sonstige müdigkeitsbedingte Fehler vorkommen, man möge ihm verzeihen: Er sitzt schon seit Tagen nächtelang vor dem Fernseher – Sternegucken auf Bayern 3. Heiner Uber