Von Karl-Friedrich Kassel

Genau 91 Prozent der Einwohner in den Ländern der alten Bundesrepublik sind an öffentliche Abwassersysteme angeschlossen. In der Regel sind dies kommunale Kläranlagen mit einem zentralen Klärwerk und einem ausgedehnten Kanalisationsnetz. Stadtregionen und Gewerbegebiete sind längst voll kanalisiert. Was die Landesregierungen jetzt noch mit Zuschüssen aus der Abwasserabgabe fördern, ist die Erschließung der abgelegenen ländlichen Räume. Noch etwa acht Prozent der Einwohner sollen angeschlossen werden, planen die Landesregierungen zum Beispiel in Bayern und Niedersachsen.

Diese restlichen Prozente bringen Kosten und Ärger für die Kleinstädte und Gemeinden. Immer länger werden die Leitungswege in den dünnbesiedelten Gebieten, immer weniger beitragspflichtige Grundstücke werden erreicht. Die Folgen: Die Kanalkosten je Anschluß steigen. Denn die Investitionen der Kommunen müssen die Anlieger bezahlen, teilweise mit enormen Beitragssätzen.

Dem Freiherrn Rembert von Münchhausen in Valberg bei Schöppenstedt in Niedersachsen zum Beispiel teilte die Gemeindeverwaltung mit, er müsse mit einem Beitrag von nicht weniger als 400 000 Mark rechnen. Dafür soll sein Grundstück an das sechs Kilometer entfernte, gerade erweiterte Klärwerk der Gemeinde angeschlossen werden.

Es trifft bei weitem nicht nur reiche Landedelleute. In Oldendorf, Niedersachsen, besitzt Rentner Otto Lichtenberg eine Weide fürs Federvieh mitten im Dorf. 20 000 Mark will die Gemeinde jetzt von ihm. Dafür soll auch diese Wiese, deren einzige Bebauung die Tränke für das Vieh ist, an das zwölf Kilometer entfernte Klärwerk angeschlossen werden.

Gegen die Anschlußstrategien der Abwasserplaner regt sich nun Widerspruch. Ob in der bayerischen Provinz, in der Eifel oder der Lüneburger Heide, immer häufiger führen die Beschlüsse von Gemeinderäten über die Abwasserrahmenpläne zu erregten Bürgeranfragen und Protestversammlungen. Bundesweit artikuliert die Gemeinschaft für Beitragsgerechtigkeit die Interessen der Beitragszahler, formuliert die Interessengemeinschaft dezentrale Abwasserentsorgung (IDA) technische Alternativen zum Abwasserzentralismus der Wasserbehörden.

Denn aus dem Stadium der rustikalen Schilfgräben sind die dezentralen Alternativen längst hinaus. Anstatt kilometerlange Rohrleitungen über Land zu verlegen, könnten Dörfer mit geringen Einwohnerzahlen ihre eigene Sammelanlage bauen. Im niedersächsischen Beseland taten sich die zwölf Grundstückseigentümer zusammen. 250 000 Mark hatte die Gemeinde für ihren Anschluß kalkuliert, sie schafften es in Eigenleistung für 47 000 Mark. Die Funktion von riesigen Betonbecken, in denen in zentralen Klärwerken das Abwasser gereinigt wird, könnten Sandbeete übernehmen. Deren Reinigungsleistung ist bei normalen häuslichen Abwässern vergleichbar mit der großer Anlagen. Das ergaben Untersuchungen zum Beispiel des Zentrums für Energie, Wasser- und Umwelttechnik (ZEWU) der Handwerkskammer Hamburg. Forschungsleiter Ürgün Ankara widerspricht denn auch energisch der Behauptung von beamteten Abwasserentsorgern, wonach eine Anlage um so besser reinigt, je größer sie ist. Das ZEWU baut in Mecklenburg mit Hilfe der Bundesumweltstiftung Pilotprojekte mit diesem Verfahren. Und nicht nur das Hamburger Zentrum tüftelt an Kleinanlagen für einzelne Häuser oder kleine Dörfer.