Die „Arbeitsgruppe Krisenexperiment“ hat eine Interpretation ihres Versuchs vorgelegt. Auszüge:

Das Krisenexperiment und die Prozesse, die es ausgelöst hat, erlauben keine Schlußfolgerungen, die die Qualität eines exakten experimentiellen Nachweises besäßen. Und selbst wenn in einem (quasi-)experimentellen Design alle Versuchsanordnungen „stimmten“ und kontrolliert wären, könnte eine Interpretation ihrer Ergebnisse nur in höchst mehrdeutiger Weise erfolgen.

Mehrdeutig sind – anders, als die sensationsgierigen Medien unterstellten – schon die Ergebnisse: Wir gehen davon aus, daß während unserer Aktion etwa 800 Studierende die Mensa betreten haben. Davon haben wahrscheinlich 300 die Handzettel nicht bekommen und vielleicht 400 diese nicht sofort gelesen. Von den 800 haben aber zwischen 700 und 720 mit Sicherheit die Schilder „Ausländer“ und „Deutsche“ gesehen. Insgesamt haben von den 800 Studierenden etwa 760 (95 Prozent) den „Hammelsprung“ gemacht, das heißt, sie haben sich nicht nur in die üblichen indifferenten Schlangen vor den Türen und Kassen eingeordnet, sondern sie ließen sich sehenden Auges (mindestens 50 Prozent: 400) oder wenigstens diffus informiert (etwa 45 Prozent: 360) in zwei nach Ausländern und Deutschen getrennten Schlangen einreihen.

Die Ausgrenzung

Immerhin vierzig Studierende (fünf Prozent) haben diesen Hammelsprung nicht mitgemacht: Einige wandten Odysseus-Techniken der List und Tücke an, indem sie etwa eine „doppelte Staatsbürgerschaft“ für sich reklamierten, sich zum Personal zugehörig erklärten oder ähnliche Tricks anwandten. Andere dagegen gingen weiter, indem sie nachfragten, protestierten oder – in einem Fall – pöbelten. Letztlich war es nur einer, der aktiv um das Scheitern des Vorgangs bemüht war: der junge Jurastudent, der eine Klage ankündigte. Einige dieser Studierenden, die sich irritieren und engagieren ließen, erzählten uns später, wieviel „Mut und Zeit“ es bedurft hätte, um sich zu erkundigen und einzumischen. Einer sagte: „Man muß schon nicht normal sein, um dazwischenzugehen.“ [...] Die Studierenden bildeten darüber hinaus gemeinsame Züge einer Menge ab, die es dem einzelnen erschwert, auszuscheren. Diese gemeinsamen Züge hatten wir spontan nach Beendigung des Experiments als Trottmasse charakterisiert. [...] Sie war bereit, sich wie eine amorphe Masse behandeln zu lassen, sich gewissermaßen Dingen gleichzumachen, die man klassifiziert und unterschiedlichen Haufen zuordnet. Es handelt sich um eine „Trottmasse“, weil sie sich im Hinblick auf das Erreichen täglich gleicher Ziele – Arbeiten, Essen, Kaufen, Fahren – konstituiert. Sie ist eine trottende, gemächlich eilende Masse, eben weil sie aufs Kaufen, Konsumieren, Essen und Verdauen aus ist.

Die Trottmasse ist darüber hinaus eine „einsame Masse“. Denn in ihr verfolgt jeder sein eigenes Ziel, das mit dem Ziel der anderen identisch ist. Aber das individuelle Verfolgen erlaubt es, den anderen zu überholen, zurück- oder vorzudrängen, auszugrenzen und so weiter. Die Masse macht die Rücksichtslosigkeit ebenso wie die Indifferenz gefahrlos. Die Überholten oder Ausgegrenzten bleiben zurück. Alles geschieht so schnell. Was erklärt, daß Ausgrenzung und Aussonderung nicht zum Gegenstand von Aufmerksamkeit oder gar Reflexion werden. Hier liegt ein kollektiv-psychologischer Keim für die augenzwinkernde Akzeptanz der Trennung in Deutsche und Ausländer. Die Eile, Gehobenheit und Sicherheit in dieser sich in zwei Schlangen spaltenden Masse normalisiert und banalisiert wahrscheinlich auch sehr viel weitergehende Veränderungen der vorgegebenen Ordnung.

Diese soziale Struktur der Trottmasse dämpft die Fähigkeit, Scham zu empfinden oder sich wenigstens irritieren zu lassen, und senkt die Bereitschaft weitgehend ab, Verantwortung für das zu übernehmen, was man tut.