Da der Hausherr höchsten Wert auf seine Toilette legte, wurde im Wiener Palais Kaunitz allmorgendlich das gleiche Ritual zelebriert. In einem eigens dafür hergerichteten Saal zerstäubte der Kammerdiener mehrere Pfund Puder in der Luft, woraufhin sechs mit Taschentüchern ausgerüstete Lakaien, jeweils paarweise einander gegenüberstehend, sich zu einer Gasse formierten. Dann betrat Fürst Kaunitz den Raum oder, da er nicht nur auf gepflegte Toilette, sondern auch auf Namen und Titel hielt: Seine Durchlaucht Fürst Wenzel Anton von Kaunitz Rietberg, Haus, Hof- und Staatskanzler Ihrer Apostolischen Majestät. Nicht ohne Feierlichkeit, gleichsam ein wandelndes Monument des Ancien regime, durchschritt er immer wieder das Spalier der Bedienten, die nun nach einem genau festgelegten Rhythmus die Tücher zu schwenken begannen, damit sich der Puder möglichst gleichmäßig auf die Perücke und auf das Antlitz ihres Herrn niedersenkte.

Die Prozedur, fast ein Zeremoniell, dauerte längere Zeit. Was focht es den Fürsten an, daß er zu jeder Sitzung des Staatsrates zu spät kam? Ohne ihn würden sie dort ohnehin kaum etwas von Belang erörtern können. Auf dem Weg zur Kutsche und dann wieder in den Korridoren, die zum Konferenzsaal führten, blieb er vor jedem Spiegel stehen, sorgfältig, ja penibel mit dem Anblick seiner selbst beschäftigt.

In der Beratung zog er zwei Bürsten hervor, mit denen er die diamantenen Knöpfe an seinem Staatsfrack sowie Ringe und Tabaksdose zu bearbeiten begann, scheinbar ganz hingegeben dieser Beschäftigung, während die Anwesenden die Teilung Polens oder die Schiffahrt auf der Donau besprachen. Dann konnte es allerdings geschehen, daß der Kanzler zu einem ein- oder zweistündigen Monolog ausholte, in dem er den Tagesordnungspunkt so eingehend von allen Seiten durchleuchtete, daß den anderen Ministern und Räten nichts mehr zu sagen übrigblieb.

Im Saal herrschte eine drückende Hitze, da Fürst Kaunitz, stets in Sorge um seine Gesundheit, das Offnen der Fenster streng untersagte. Sogar bei den Audienzen der Kaiserin pflegte er wortlos alle Fenster zu schließen, obwohl Maria Theresia, im Gegensatz zu ihm, die frische Luft zu schätzen wußte. Gesundheitliche Bedenken machten ihm immer zu schaffen, ließen ihn etwa nach einem Diner, in Gegenwart von Damen und Herren der Wiener Hocharistokratie, unverdrossen zum Putzen seiner Zähne schreiten, wozu er ebenfalls eine Bürste, mehrere Spiegel und andere Hilfswerkzeuge benutzte. Ein sarkastischer Zwischenruf des französischen Botschafters hatte nur zur Folge, daß der Fürst von dieser Stunde an bloß noch zu Hause speiste.

Wie aber war Kaunitz, der Kauz, an die Spitze der k k. Staatspyramide gelangt? Als Sohn eines böhmischen Grafen 1711 in Wien zur Welt gekommen, hatte er in Leipzig und Leiden studiert, dann als Zwanzigjähriger kaiserliche Dienste genommen und, die Wärmflasche auf den Knien, als Gesandter Karls VI kreuz und quer die Landstraßen Europas befahren.

Den Botschafterposten in verschiedenen Residenzen, darunter in Turin, folgte 1748 die Teilnahme am Friedenskongreß in Aachen, wo Kaunitz, wenn auch unter Protest, dem demütigenden Verlust von Schlesien zustimmen mußte, das Friedrich II von Preußen in zwei Kriegen Maria Theresia entrissen hatte "Ohne Schlesien ist die Krone Österreichs kaum wert, daß man sie trägt Mit diesen Worten kommentierte die Habsburgerin den Aderlaß, den wieder rückgängig zu machen sie nicht ruhen wollte. Im März 1749 forderte sie die Mitglieder des Staatsrates auf, denkbare Wege für die österreichische Politik der nächsten Jahre zu skizzieren.

Nach ihrem Gatten, Kaiser Franz L, sowie den Staatssekretären und dem Obersthofmeister begann Kaunitz zu sprechen, der inzwischen das jüngste Mitglied jenes Gremiums war.