Sie sei, so wird versprochen, die „erste moderne Biographie einer einzigartigen Stadt“ und garantiere „Lesevergnügen auf höchster Ebene“ – doch eben dieses will sich bei Hermann Schreibers voluminöser Stadtgeschichte Florenz. Eine Stadt und ihre Menschen (List-Verlag, München 1994; 440 S., 48,– DM) nicht recht einstellen. Zugegeben: Anders als in vielen Darstellungen der florentinischen Geschichte zeigt der Kunstwissenschaftler Schreiber von Beginn an, daß die inzwischen fast dreitausendjährige Historie der Stadt am Arno aus weit mehr als nur aus großer Politik und blutigen Kriegen bestand. Statt dessen führt er dem Leser vor allem den kulturellen Reichtum jener Stadt vor Augen, in der Dante, Boccaccio und Michelangelo wirkten und die unter der Herrschaft der Medici in einzigartiger Weise politische Macht, wirtschaftlichen Reichtum und kulturelle Blüte verband. Doch leider gefällt sich Schreiber bei alldem zu sehr in der Rolle des allwissenden Geschichts- und Geschichtenerzählers, der seinem Leser immer wieder eine verwirrende Fülle an Einzelschicksalen und Anekdoten präsentiert, die große Linie aber oft aus den Augen verliert.

Ausgesprochen störend sind die vielen Erörterungen kunstgeschichtlicher Probleme und die immer wiederkehrenden Kommentare zu früheren Florenz-Studien, auf die Schreiber als Wissenschaftler offenbar nicht verzichten kann, die für seine Darstellung und erst recht für den Leser aber meistens ohne Wert sind.

Unerfindlich bleibt schließlich, warum Schreiber seine Stadtgeschichte mit der großen Arno-Überschwemmung vom November 1966 enden läßt, die umfangreiche und verdienstvolle Restaurierung weiter Teile des historischen Stadtkerns dagegen nur in einer abschließenden Zeittafel erwähnt und das Leben und die Probleme des heutigen Florenz ganz außer acht läßt. Alles in allem also ein seltsam unausgewogenes Werk, das den vielversprechenden Ankündigungen nicht gerecht wird. Marco Finetti