Von Ekkehard Klausa

BERLIN. – Die berüchtigten „Querelles allemandes“ bezogen sich vor hundertfünfzig Jahren, als sie erfunden wurden, darauf, wie man Geschichte machte; heute, wo sie gemacht ist, darauf, wie man ihrer gedenkt. Im Augenblick geht es, mit Hauen und Stechen, um das Gedenken zum 50. Jahrestag des 20. Juli.

Übergehen wir die Frage, wer bei der Gedenkfeier in der Berliner Stauffenbergstraße sprechen soll, mit wenig mehr als dem verdienten Schweigen. Natürlich der Bundeskanzler und kein paritätisch besetzter Rundfunkrat. Sollte Herr Scharping am 60. Jahrestag Bundeskanzler sein, dann wird er den Teufel tun, seinen Oppositionsführer um ein Koreferat zu ersuchen. Der Kanzler wird auch im Wahljahr noch tun dürfen, was seines Amtes ist, und die SPD hätte dem Angedenken des Widerstandes diesen törichten Streit ersparen können.

Aber eine Torheit von links bedingt proporzgemäß eine von rechts. So kündigte Franz-Ludwig Graf Stauffenberg, ein Sohn des Hitler-Attentäters, kürzlich im Vorfeld der Gedenkfeier Sanktionen an – welche, das verschwieg er –, falls nicht schon vor dem 20. Juli die Dokumentation des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) aus der Gedenkstätte Deutscher Widerstand entfernt werde. (Das NKFD ist die Organisation deutscher Kriegsgefangener und kommunistischer Emigranten, die unter sowjetischer Regie zum Sturz Hitlers aufrief.)

Stauffenberg junior sagt mit Recht, es sei keine historische, sondern eine semantische Frage, ob das NKFD nun „Widerstand“ sei oder nicht. Der Begriffsklarheit zuliebe sollte man diese Frage eindeutig verneinen. Widerstand war nur der Kampf innerhalb des Machtbereichs der Diktatur. Was General von Seydlitz, Vizepräsident des NKFD, in Moskau tat oder Thomas Mann im amerikanischen Exil, war ein „Kampf von Deutschen gegen Hitler aus dem Ausland“. Diesen Kampf dokumentiert die Gedenkstätte in ihrer Dauerausstellung im zeitgeschichtlichen Zusammenhang mit dem Widerstand. Das ist historisch vertretbar.

Aber vielen Gegnern der Ausstellung geht es neben der Semantik auch um die Moral, die sie dem NKFD absprechen. Es sei eine Schändung des Andenkens von Claus Stauffenberg und Julius Leber, wenn die Kollaborateure der Sowjets in den Glanz des Gedenkens an den Widerstand eingeschmuggelt würden. Hier gibt es in der Tat eine gewisse Ambivalenz: In einer „Gedenkstätte“ alter Art erwartet man, nur vorbildhaften Persönlichkeiten zu begegnen. In einer modernen Gedenkstätte wie dieser wird aber historisch-wissenschaftlich dokumentiert. Daß dort unter den Exilanten auch Pieck und Ulbricht vorkommen, zeigt deutlich genug, daß es nicht um Heldengedenken geht.

Der scharfe Trennstrich zwischen Guten und Bösen kann insoweit dem Wildwestfilm überlassen bleiben; er verläuft nicht zwischen Widerstand und NFKD. Eindeutig zum Widerstand ist Arthur Nebe zu rechnen, ein Massenmörder (Kommandeur einer Einsatzgruppe, die Zehntausende von Juden umbrachte); ebenso der SA-Rabauke Graf Helldorff. Und eindeutig idealistisch motiviert waren zum Beispiel Seydlitz oder der Divisionspfarrer Kayser im NKFD. Nicht einmal die wütenden Gegner des NKFD im Heimkehrerverband können behaupten, Seydlitz sei beigetreten, um sich mehr „Kascha“ (Brei) zu verschaffen. Er hätte, wie andere, wohlgenährt im Generalslager den Krieg überleben und sich Todesurteile von Hitler und Stalin, seiner Familie Drangsalierung ersparen können. Aber ihm hatte Stalingrad die Augen geöffnet, und er wollte verhindern, daß Hitler ganz Deutschland zum Riesen-Stalingrad machte. Was Seydlitz und das NKFD vom deutschen Offizierskorps forderten, versuchte Stauffenberg ein Jahr später (zu spät). Wäre es 1943 gelungen, so hätte das Reich gerettet werden können. Genau das war Seydlitz’ patriotisches Motiv, sicher nicht das der Kommunisten Pieck und Weinert. Und natürlich gab es viele „Kaschisten“ und, meinetwegen, „Kameradenschweine“ im NKFD. Aber eine Geschichtsausstellung kann und soll keine Seligsprechung übernehmen.