Von Heinz-Günter Kemmer

Das Schild hat Seltenheitswert. „Wir stellen ein“ steht da geschrieben. Und darunter: „Gewerbliche Mitarbeiter im Schichtbetrieb für die Elektrolyse und Gießerei“. Zu besichtigen ist das Schild im Norden der Ruhrgebietsstadt Essen, auf dem Werksgelände der Aluminium Essen GmbH. Dieses Unternehmen sollte es eigentlich gar nicht geben. Am 7. Februar nämlich war beschlossen worden, die zum schweizerischen Alusuisse-Konzern gehörende Hütte in Essen stillzulegen..

Vier Tage später hatte der Betriebsrat des damals noch als Leichtmetall-Gesellschaft mbH (LMHG) firmierenden Unternehmens mit der Geschäftsführung einen Sozialplan abgeschlossen, zum 28. Februar wurde den rund 470 Mitarbeitern gekündigt. Die Stadt Essen war, so schien es damals, um 470 Arbeitslose reicher – bei ohnehin mehr als 32 000 Menschen ohne Arbeit und einer Arbeitslosenquote von 12,6 Prozent.

Der einzige Trost für die LMG-Mitarbeiter war der Sozialplan, der sich sehen lassen konnte. Er sah Abfindungen von durchschnittlich 60 000, in der Spitze sogar von 120 000 Mark vor. Derartige Abfindungen, die zu weniger als der Hälfte besteuert werden, sind für einen normalen Arbeitnehmer ein kleines Vermögen – fast so etwas wie ein Lottogewinn.

Doch dann trat ein, was bis heute Verwirrung stiftet: Jürgen Fischer, Geschäftsführer der LMG, beschloß, der Alusuisse die Hütte abzukaufen und den Betrieb fortzuführen. Wieviel ihn das gekostet hat, verrät Fischer nicht. Aber er spricht von „einem der größten Management-buy-outs“ in der deutschen Wirtschaft. Als Partner nahm er die Düsseldorfer Trimet Metallhandels-AG mit ins Boot, die ein Viertel der Anteile erwarb. Das war Anfang April. Die ersten Mitarbeiter hatten da das Unternehmen schon verlassen. Ihre Kündigungsfrist war abgelaufen – sie kassierten die ihnen zustehende Sozialplanleistung und kehrten der LMG den Rücken.

Die Mitarbeiterzahl näherte sich damit allerdings einer für den Weiterbetrieb kritischen Grenze. Fischer braucht dafür, so sagt er, mindestens 300 Mann aus der Stammbelegschaft. Um diesen Mindestbestand zu sichern, handelte er mit dem Betriebsrat und der für das Unternehmen zuständigen IG Chemie eine Vereinbarung aus, die in acht „Eckpunkten“ festhielt, was jeder der Partner einzubringen hatte. Dazu gehörte der Verzicht der Mitarbeiter auf die Hälfte der vereinbarten Sozialplanleistungen, die Fischer per Kaufvertrag mit übernommen hat. Außerdem die Bereitschaft der neuen Gesellschaft, dem zuständigen Arbeitgeberverband für die chemische Industrie beizutreten – was der Belegschaft den attraktiven Chemie-Tarif sichern sollte –, sowie die Zusage, aus Gründen der Umstrukturierung ausscheidenden Mitarbeitern die volle Sozialplanleistung zu bezahlen. Ende April schließlich schien eine alle befriedigende Lösung gefunden zu sein, die die Belegschaft bei der Stange hielt.

Dann jedoch kam Sand ins Getriebe. Helmut Kröhnert, der Betriebsratsvorsitzende, schildert das so: Man habe einen im Arbeitsrecht bewanderten Rechtsanwalt gebeten, das Ergebnis der Vereinbarung in juristisch einwandfreier Form festzuhalten. Den Brief, den der Anwalt daraufhin an die Geschäftsführung geschrieben habe, hätten Abgesandte des Minderheitsgesellschafters Trimet zum Anlaß genommen, sich von dem Acht-Punkte-Papier zu distanzieren. Es gebe, so hätten die Trimet-Vertreter erklärt, keine Stillegung und damit auch keine Kündigung – der Sozialplan sei folglich hinfällig.