TÜBINGEN. – Nicht, daß Walter Jens nicht wüßte, wie es vor schwäbischen Amtsgerichten zugeht; schließlich ist seine Verteidigungsrede vor dem eingeschüchterten Amtsrichter Werner Offenloch in Schwäbisch Gmünd vor zehn Jahren noch immer unvergessen. Wie Jens da vor versammelter Medienmacht dem Juristen auseinanderklamüserte, daß die Blockade von Atomwaffendepots nie und nimmer als Nötigung zu bezeichnen, sondern vielmehr ein Gebot christlicher Nächstenliebe sei, das war rhetorisch brillant. Danach wurde er verurteilt.

Nun standen Walter Jens nebst Ehefrau Inge erneut vor ihrem Amtsrichter, und der hieß dieses Mal Eberhard Hirn. Er sollte darüber befinden, ob es strafbar war, daß über zehn Januartage des Jahres 1991 hinweg zwei US-Deserteure im Hause Jens aßen und schliefen, die aus Gewissensgründen nicht in den Golfkrieg ziehen wollten. "Beihilfe zur Fahnenflucht" stand auf der Anklageschrift, und Walter Jens erkundigte sich gleich zu Beginn der Verhandlung, ob das bis zum Abend wohl geklärt werden könne, da müsse er nämlich zusammen mit dem Kollegen Hans Küng einen Vortrag übers Sterben halten. Nun, es wurde geklärt, niemand mußte am Abend auf Jens warten, und wenn man Amtsrichter Hirn richtig verstanden hat, sind die Eheleute Jens tatsächlich schuldig geworden, wenigstens ein bißchen.

Dem Staatsanwalt war das Ganze sichtlich unangenehm. Der Chef der Behörde persönlich, Peter Sontag, war erschienen und runzelte permanent die Stirn. So gerne hätte er das Verfahren schon vor drei Jahren gegen ein kleines Bußgeld eingestellt; jedoch war sein Vorschlag von Jens zurückgewiesen worden. Er und seine Frau wollten ein Urteil, Freispruch natürlich, weil die Aufnahme von Menschen in Gewissensnot zur christlichen Pflicht gehört – dachten sie. Dem steht aber Paragraph 16 des Wehrstrafgesetzes samt dazugehörigem Sondergesetz von 1957 im Wege, das Nato-Soldaten denen der Bundeswehr beim unerlaubten Entfernen von der Truppe gleichsetzt. Und so beklagte der Staatsanwalt, die Jensens hätten den Deserteuren nicht nur strafrelevante Unterkunft gewährt, sondern die Soldaten "teilweise sogar verpflegt".

Das rief aber nun Inge Jens auf den Plan. Gut satt geworden seien die beiden bei ihr zu Hause, volle Kost hätten sie erhalten, donnerte sie, von wegen "teilweise verpflegt". Überhaupt hatte Inge Jens enorme Schwierigkeiten, sich ihr gebührendes Un-Recht zu verschaffen. Erst auf ihren geharnischten Protest hin wurde auch gegen sie (und nicht nur gegen ihren Walter) ermittelt.

Richter Hirn erkannte daher schnell, daß es sich bei den Angeklagten um "Überzeugungstäter" handelt, die sich bei existentiellen Fragen eher an christlich-humanistischer Ethik als am Strafgesetzbuch orientieren. Tatsächlich können sie an ihrem Tun nichts Verwerfliches finden: "Es war das Beste, was wir in dieser Zeit hatten tun können", sagte Jens (Inge), und "es gibt Stunden, da man sich entscheiden muß", meinte Jens (Walter).

Daß auch noch andere dieser Ansicht sind, konnte man zumindest aus der liebevoll teilnehmenden Prozeßbeobachtung einiger Universitätsprofessoren sehen. Theologe Norbert Greinacher (Abschaffung der Kirchensteuer!) besorgte den Angeklagten in der Sitzungspause gar ein Fläschchen Sprudel aus dem nahen Bäckerladen. Mitgefühl allerorten, und so klang selbst das Plädoyer des Staatsanwalts fast, als bedauere er, daß kein Deserteur bei ihm geklingelt habe: "Sie haben keine schwere Strafe verdient." Nur eine leichte also, weil "das Ehepaar Jens uneigennützig und getragen von sittlicher Verantwortung" gehandelt habe – nur leider nicht im Sinne des Gesetzes.

Nach sieben Stunden fällte der Richter darum ein bißchen ein Urteil für das bißchen Beihilfe. Die beiden Angeklagten sollen nun knapp 7000 Mark Verwarnungsgeld (an die Bosnienhilfe) bezahlen und so etwas ja nie wieder tun! Irgendwie schien Richter Hirn irritiert, als Walter Jens Berufung gegen das freundlich gemeinte Urteil ankündigte. Philipp Maußhardt