HAMBURG - Kurt Groenewold ist ein aufmerksamer Zuhörer. Kein Wort scheint seiner gespannten Wachsamkeit zu entgehen. Flink wechseln die Augen von einem Redner zum anderen, ein lichter grauer Haarkranz umsteht mit einiger Wildheit den Kopf, dessen Bewegungen an die eines Dirigenten erinnern. Ein Mann von intellektuellem Zuschnitt, eher zierlicher Gestalt und aufrechter Haltung, die an Steifheit grenzt - so sitzt der 57jährige Rechtsanwalt vor seinem Publikum, unter anderem Mitglieder einer ihm nicht eben wohlgesonnenen Anwohnerinitiative aus Eimsbüttel.

Der Kerngebietsausschuß eines Hamburger Stadtteils hat sich zusammengefunden, um in öffentlicher Sitzung über ein umstrittenes Bauprojekt zu befinden: An Stelle eines Bunkers aus Kriegszeiten will Groenewold von 1997 an für 25 Millionen Mark Neubauten errichten. Sie sollen zur Front hin Büro- und Praxisräume, unten eine Ladenpassage sowie auf dem hinteren Teil des Geländes 57 Mietwohnungen, jede nicht größer als 70 Quadratmeter, enthalten. Unterhalb des großen Innenhofes, der noch zwei Jahre lang von einem Autohändler genutzt werden wird, ist außerdem eine Tiefgarage mit 250 Stellplätzen geplant.

Die rechts und links angrenzenden Grundstücke und der Innenhof gehören schon der Erbengemeinschaft Groenewold; der Bunker ist noch im Besitz des Bundes. Ihn zu kaufen dürfte freilich kein Problem sein, zumal Groenewold den mit vier Millionen veranschlagten Abriß des Kriegsbauwerks bezahlen will. Doch was den einen als Chance erscheint, auf private Kosten einen städtebaulichen Schandfleck zu tilgen, gilt den anderen als luxuriöses Großprojekt in einem Stadtteil, der nicht noch mehr Läden und Büros, sondern billige Wohnungen braucht.

Ein Teil der Auseinandersetzung vor allem mit der Grün Alternativen Liste (GAL), die den Anwohnerprotest mobilisiert hat, entzündet sich dabei an der Person des Bauherrn "Vom RAF Anwalt zum Vermieter Raffzahn?" titelte die taz hämisch und fügte der Diskussion um Gebäudehöhen, zu erwartenden Baulärm, Tiefgaragenentlüftung und möglicherweise zu enge Ein- und Ausfahrten das polemische Salz in der Suppe hinzu.

Denn Kurt Groenewold ist nicht nur in der Hansestadt ein bekannter Mann. In den siebziger Jahren gehörte er zu den Verteidigern von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, wurde freilich noch vor der Hauptverhandlung auf Antrag der Bundesanwaltschaft von der Verteidigung ausgeschlossen und 1978 in einem aufsehenerregenden Prozeß wegen sogenannter Gesinnungsunterstützung zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Die Anwaltskammer der Hansestadt belegte ihn außerdem bis 1981 mit einem Berufsverbot für Strafverfahren.

Schon damals war es für Groenewolds Gegner, zum Beispiel für die Springer Zeitungen, ein gefundenes Fressen, daß der "linke" Anwalt bürgerlicher Herkunft gemeinsam mit seinen vier Geschwistern ein nicht unbeträchtliches Imtnobilienvermögen geerbt hat. Die Rosenhof Grundstücksverwaltung zählt rund 3000 Mietwohnungen zu ihrem Bestand.

"Seien Sie doch nicht so gehässig", schrieb Groenewold jetzt der tageszeitung in einem Leserbrief "Es überrascht mich, daß ausgerechnet die taz in der Sprache der Bundesanwaltschaft die Tätigkeit der Anwälte Klaus Croissant, Christian Ströbele und Kurt Groenewold für die angeklagten RAF Mitglieder als Argument gegen mich wendet "

Ausführlich zitierte die Zeitung in ihrem Artikel auch den Verein Mieter helfen Mietern, demzufolge die Groenewolds mit ihren Mietforderungen nicht selten über der Grenze des Erlaubten lägen. Außerdem gingen sie, so MhM Jurist Jürgen Twisselmann, "systematisch gegen Wohngemeinschaften vor - beim leisesten Verdacht unerlaubter Untervermietung wird geklagt". Solche Vorwürfe, wehrt sich Groenewold, seien "generell unberechtigt". Natürlich blieben in Einzelfällen Auseinandersetzungen oder gar Prozesse nicht aus, aber: "Wir halten uns an die üblichen Vergleichsmieten", versichert er.

Tatsächlich fällt es schwer, den vielseitig interessierten und tätigen Rechtsanwalt mit dem Bild des skrupellosen Immobilienhais in Einklang zu bringen. Seine Frau, Sabine Groenewold, ist Inhaberin der Europäischen Verlagsanstalt (EVA), die hauptsächlich Bücher zum Thema politische Philosophie und Ideengeschichte verlegt; er selbst fungiert seit 1979 dort als Gesellschafter. Ende vergangenen Jahres trat die EVA als Lebensretter des Rotbuch Verlages in Erscheinung (ZEIT Nr. 451993). Außerdem sitzt Kurt Groenewold der Erich Fried Gesellschaft für Literatur und Sprache vor und hat vor wenigen Wochen in Berlin die Internationale Hanns Eisler Gesellschaft gegründet. Daß ihm, dem Literatur, Kunst- und Architekturkenner, das umstrittene Bauvorhaben in Eimsbüttel vor, allem aus ästhetischen Gründen am Herzen liegt, verhehlt er nicht. Er möchte das Projekt dem unmittelbar danebenliegenden KarlSchneider Bau anpassen und es zu Ehren des berühmten Hamburger Architekten auch KarlSchneider Passage nennen. Das Ganze sei "keine Gigantomanie, sondern Maß", ein interessantes und schönes Bauvorhaben, an dem nichts Unsoziales zu finden ist.

"Eigentlich kann man das Projekt gar nicht angreifen", sagt er, diesmal ganz der selbstbewußte Geschäftsmann, der in Eimsbüttel aufgewachsen ist, seine Kanzlei nebenan hat und der für seinen Stadtteil nur Gutes will "Und natürlich ist das auch Teil unserer Vermögensanlage", gibt er zu. Als Mäzen abweichender Ideen versteht er sich nicht.

"Da kommt einer mit Geld, es wird gebaut, zack, fertig", schimpft Rudi Brandt, Fraktionsgeschäftsführer der grünen Partei in Eimsbüttel. Das sei doch ein völlig "antiquiertes Verständnis von Bürgerbeteiligung". Seine Partei befürchtet, daß die Preise der frei finanzierten Wohnungen noch über 25 Mark pro Quadratmeter liegen und auch die Mieten in der Umgebung damit in die Höhe treiben könnten. Kleine Luxusläden würden überdies angestammte Geschäfte vertreiben. Die GAL wünscht sich statt dessen ausschließlich Wohnungsbau und mindestens vierzig Prozent dieser Wohnungen mit Sozialbindung "Dann würden wir Groenewolds Antrag gerne zustimmen", meint Brandt.

Vorerst entschied die Mehrheit aus SPD, CDU und Statt Partei in Eimsbüttel, die Ergebnisse des laufenden Verkehrsgutachtens abzuwarten. Vermutlich wird in der nächsten Sitzung am 4. Juli dann das Votum für Groenewolds Projekt ausfallen. Bis dahin wartet der Anwalt gelassen ab: "Man hat mir damals gesagt, ich trüge Waffen von Zelle zu Zelle. Im Vergleich dazu ist das hier eine politische Auseinandersetzung mit polemischen Hinzufügungen, die man aushallen muß. Mit den Begriffen von Öffentlichkeit bin ich vertraut Iris Mainka