Von Joachim Fritz-Vannahme

Der Schriftgelehrte zählt erst einunddreißig Jahre. Doch zur Kaste der Kundigen durfte sich Nikolai Grube schon in einem Alter rechnen, als er und seine Schulkameraden gerade erst das Wahlrecht erhielten. Bereits mit achtzehn Jahren veröffentlichte er seinen ersten Aufsatz in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Thema war die Entzifferung einer chronologischen Maya-Hieroglyphe: „Meine Argumentation damals war stimmig, auch wenn ich heute weiß, daß ich mit meiner These danebenlag. Kein Mensch ahnte, wie alt ich war.“

Die Feststellung klingt nüchtern, aber so beginnen bei dem jungen Mann mit dem breiten Gesicht noch die üppigsten Anekdoten und Abenteuer. Dann aber kehrt sich plötzlich der Blick nach innen, fangen Grubes Augen Feuer und der Zuhörer auch. Unversehens ist die Szene nicht mehr Bonn-Beuel in seiner Beschaulichkeit, atmet der Tee, den Maria, die Maya aus Belize, einschenkt, die Würze der Ferne und fällt der Wolkenbruch draußen nicht mehr aufs Treibhaus am Rhein, sondern in den Tropen von Yucatän, Belize, Honduras, Guatemala.

Maya-Forscher gibt es einige, sogar in Deutschland, das vor dem Krieg manche der besten besaß und sich heute nicht einmal einen einzigen Lehrstuhl für diese Hochkultur leisten mag. Auch Maya-Archäologen von Rang zählt man eine ganze Reihe, doch einen Mann wie Nikolai Grube trifft man nur ganz selten. Seit Jahren schon zählt der ganz gewöhnliche Bonner Dozent für Altamerikanistik zum kleinen Kreis eines halben Dutzends Epigraphiker. Mit scharfem Auge und unendlicher Geduld arbeiten diese Schriftgelehrten an der Entzifferung der Maya-Schrift. Einem größeren Publikum fiel Nikolai Grube durch die große Ausstellung „Die Welt der Maya“ 1993 in Hildesheim auf, die ohne dieses Wunderkind zwischen den Welten kaum denkbar gewesen wäre. „The brilliant young German epigrapher“, lobte unlängst Michael Coe, der Altmeister der Maya-Forschung, in Nature und zählte den Bonner als einzigen Europäer unter lauter Nordamerikanern auf.

Mit 22 Jahren reiste der damalige Student der Völkerkunde und Altamerikanistik erstmals in den Süden Mexikos. Aber war dies wirklich seine erste Reise? Wuchs doch vor seinem inneren Auge die Welt der Maya schon in früher Kindheit empor, erbaut aus Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“, daneben aber auch aus minderem Material, das sich der kleine Nikolai mit Feuereifer in den Leihbüchereien zu Köln zusammensuchte. Die Eltern verfolgten das mit Staunen; vor den Lehrern verheimlichte er seine Passion lieber. Was Grube damals las, an populärem Stuß oder wissenschaftlichem Stoff, trat freilich in den Hintergrund angesichts der barocken Hieroglyphen, dieser eckig-runden Köpfe von Jaguar, Tapir, Schlange, der grimmigen und komischen Männerprofile, die zu diesem Kind sprachen, ehe sie ihm wirklich etwas zu sagen wußten.

Vor dem Wissen reizte den jungen Grube die Schönheit, die Lust am rätselhaften Bild, an der verwirrenden Ornamentik, die sein visuelles Gedächtnis über Normalmaß hinaus entwickelten. „Ein Schreck vor dieser Schönheit befällt mich noch heute“, gesteht er seine Passion. „Daß wir“ – und dieses wir meint genau besehen nur jene kleine Tafelrunde der Hieroglyphenkundigen; daß also wir „heute endlich die Maya-Schrift fast so gut lesen können wie die Schriftsysteme des Alten Orients, ist eine archäologische Sensation, die sich fast unbemerkt von der Öffentlichkeit in den letzten zehn Jahren zugetragen hat“.

Noch bei Ceram oder seinen Lehrern mußte Nikolai Grube lesen, daß diese bilderreiche Schrift über den unglaublich präzisen, astronomischen Kalender der Maya hinaus wohl nie ganz entschlüsselt werden könne. Bis in die sechziger Jahre arbeitete die Forschung in der festen Überzeugung, diese Schrift diene nur dem Maya-Kalender und dieser nur dem Glauben an die ewige Wiederkehr.