Von Ralf-Peter Märtin

Sind Bergsteiger die besseren Menschen? Sind sie Heroen, die Eigenschaften oder Talente ausgebildet haben, denen wir nacheifern sollten? Natürlich nicht, verkündet uns Reinhold Messner in seinem Museum in Sulden am Ortler, menschlich sind sie, und nur das macht sie interessant.

Messner, den ungenutzter Raum schon immer zur Verzweiflung trieb, hat der verfallenen Bergsteiger-Notunterkunft (ein Hüttchen von zwölf Quadratmetern, im Volksmund als „Flohhäusl“ bekannt) sofort angesehen, daß er in ihr auf dreizehn Schautafeln endlich jene Geschichte der Alpinistik erzählen kann, deren Absurditäten und Zumutungen ihn stets gereizt haben.

Also hat er die Halbruine gekauft, renoviert, sie mit Ausstellungsstücken und Photos vollgestopft und als Mini-Museum dem Publikum des kleinen Südtiroler Ski- und Bergsteigerortes zugänglich gemacht. Kostenlos, versteht sich. Dafür hat ihm im vergangenen Jahr die Gemeinde eine Eröffnungsfeier spendiert, und der Pfarrer selbst hat die Einweihung des Kuriositätenkabinetts vorgenommen, trotz des zentnerschweren Ungarns rechts vom Eingang, eines hinduistischen Phallussymbols, Metapher für den Berg an sich.

Wer sammelt, verrät seine Vorlieben und Abneigungen. So auch Reinhold Messner, der gleich mit Schautafel eins ein Bekenntnis zum tibetischen Yogi Milarepa ablegt, dem Begründer des sanften Bergsteigens im 12. Jahrhundert. Der erreichte den Gipfel des heiligen Berges Kailash (6714 Meter), in dem die Tibeter die Achse der Welt sehen, auf einem Sonnenstrahl reitend. Seitdem gilt die Besteigung des Berges als Sakrileg. Woher die ausgestellten Gipfelsteine kommen, erscheint daher dringend aufklärungswürdig, schon deswegen, weil es auf dem Gipfel des Kailash gar keine Steine gibt.

Weiter geht’s mit Antoine de Ville, den Messner nicht mag. Der Söldnerführer „eroberte“ 1492, im Jahr der Entdeckung Amerikas, mit seinen Mannen auf Befehl des französischen Königs den Mont Aiguille (2097 Meter), instrumentalisierte damit das Bergsteigen als kriegerische Ersatzhandlung und schändete das bis dato unbetretene Gipfelplateau mit drei Kreuzen. Eine Sitte, der später fast alle europäischen Bergspitzen zum Opfer fielen.

Auch Alexander von Humboldts Leistungen als Bergsteiger werden relativiert. Mag im Alpinmuseum in Kempten der Deutsche Alpenverein weiterhin behaupten, der Forschungsreisende habe 1801 am Chimborazo „die wohl höchste bis dahin von Menschen erreichte Höhe (5350 Meter)“ erklommen, geißelt Messner dies als eurozentriert und verweist zu Recht darauf, daß Sherpas und Inkas schon Jahrhunderte vorher höher gekommen seien, was jeder, der sich über diverse Himalaja-oder Andenpässe geschleppt hat, weiß.