Von Hans-Günter Semsek

Von Nicht einmal eine Autostunde nördlich von Glasgow erstrecken sich die Trossachs. Hier präsentiert sich Schottland mit einer Naturkulisse, die so recht zum Schwärmen verleitet. Anfang des 19. Jahrhunderts besuchten William Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge, zwei Dichter der englischen Hochromantik, diese urschottische Region und ließen sich von der Landschaft inspirieren. Begleitet wurden die beiden Poeten von Wordsworth’ Schwester Dorothy. Sie notierte am 27. August 1803, während die drei am Ufer des Loch Katrine saßen, in ihr Tagebuch: „Hier war es absolut einsam, und alles, was wir erblickten, waren Lieblichkeit und Schönheit in Perfektion... An diesem Ort würde sich niemals ein Gedanke an Trübsal und Trostlosigkeit einschleichen können.“

Schon fast vierzig Jahre zuvor, 1768, hatte ein gewisser James Robertson versucht, die landschaftliche Schönheit der Trossachs in Sätze zu kleiden. Vergebens – beschloß er doch sein kleines Traktat mit der resignierten Feststellung: „Mit einem Wort: Die Trossachs spotten jeder Beschreibung!“

Doch dann nahm sich der sprachgewaltige Sir Walter Scott der Region an. Im Jahre 1810 erschien seine Versromanze „The Lady of the Lake“, „Das Mädchen vom See“. Die ersten 2000 Exemplare wurden den Buchhändlern im wahrsten Sinne des Wortes aus den Händen gerissen. Innerhalb kürzester Zeit überschwemmten vier weitere Auflagen den Markt, und so ging es von nun an Jahr für Jahr. Scotts Werke wurden natürlich ins Deutsche übersetzt, und auch hierzulande erwuchs dem schottischen Meister schnell eine getreue Gemeinde.

Trossachs bedeutet „hartes, rauhes Land“, und Anfang des 19. Jahrhunderts war die Region noch fast völlig unzugänglich. Der Clan der MacGregors herrschte in den einsamen, dichtbewaldeten Tälern und Schluchten und wußte sein Territorium zu verteidigen. Das gab einen idealen Handlungsrahmen für den Historienerzähler Scott ab: Seine Lady of the Lake ist Ellen Douglas, die mit ihrem Vater William auf der Flucht vor den Schergen König Jakobs ist. Roderick, der Clan-Chef der MacGregors, versteckt die beiden auf einer Insel im Loch Katrine. Auf einem Jagdausflug verirrt sich der König und wird von Ellen – die ihn nicht erkennt – beherbergt. Es kommt zu einem grimmig-wilden Zweikampf zwischen König Jakob und dem Clan-Chef Roderick, zu mancherlei weiteren Verwicklungen und Kämpfen, letztendlich aber zu einem Happy-End.

Man kann nur staunen, wie die Schmonzette die Leser im Griff hatte; Tausende und Abertausende pilgerten nach der Lektüre an die Gestade des Loch Katrine und blickten – Scottsche Verse zitierend – auf Ellen’s Island hinüber. Auch dem anglophilen Theodor Fontane waren die Bücher des großen Schotten geschätzte Lektüre. Im August 1858 machte er sich nach Schottland auf. Und gleich in den ersten Tagen zog es ihn zu den Trossachs. Er nahm die Romantik der Gegend wahr, verlor aber nicht die kritische Distanz und textete virtuos: „Was diesen eigentlichen Trossachs fehlt, das ist der Stempel des Besonderen. Man sieht rechts und links, vor- und rückwärts, stimmt in die ‚Beautifuls‘, die mit der Regelmäßigkeit von Pendelschwingungen überall laut werden, nach bester Überzeugung ein, hat aber das Gefühl, sehr ähnliche landschaftliche Physiognomien schon oft gesehen zu haben, und wendet sich endlich von all dieser Herrlichkeit wie von einem Frauenkopfe ab, dessen Schönheit man gelten läßt, aber dessen Reiz man leugnen kann, weil die Art seiner Schönheit nichts ist als eine höhere Form der Alltäglichkeit.“

Elf Jahre nach Fontane besuchte auch die reisefreudige und schottlandbegeisterte Queen Victoria die Trossachs und war derart angetan von der Landschaft, daß sie ihrem Tagebuch Sätze von Scottscher Sprachgewalt und königlicher Realitätsferne anvertraute: „Wenige Minuten später erreichten wir Loch Katrine, das im strahlenden Abendlicht in seiner größten Schönheit vor uns lag. Wie wunderbar! Diese Einsamkeit, diese romantische und wilde Lieblichkeit, das Fehlen von Hotels und Bettlern, statt dessen unabhängige, einfache Menschen, die gälisch sprechen...“