Karl Otto Pohl gerät zunehmend in schlechte Gesellschaft. Als Präsident der Deutschen Bundesbank pflegte sich Pöhl in den feinsten Kreisen der internationalen Hochfinanz und Politik zu bewegen. Doch seit er Mitinhaber der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim ist, wird der Währungsexperte verstärkt mit der ökonomischen Unterwelt konfrontiert. Unter Bankmanagern herrsche der Eindruck, sie hätten es "nur noch mit; Gangstern und Kriminellen zu tun", kömmep tierte Pöhl die spektakuläre Serie von betrügerischen Firmenpleiten, die gegenwärtig die Bundesrepublik heimsucht.

Haben Gauner auf den Geschäftsführerposten Konjunktur? Reißen in der Wirtschaft, wie Pöhl klagt, zunehmend "Wildwest Sitten" ein? Zahlen bestätigen schlimme Befürchtungen. In Deutschland wird betrogen und hinterzogen, gefälscht und unterschlagen wie noch nie zuvor. Allein im vergangenen Jahr registrierte die Polizei eine Zunahme der Wirtschaftskriminalität in den alten Bundesländern und Berlin um mehr als dreißig Prozent auf fast 42 000 Fälle. Da in dieser Statistik jene Straftaten nicht enthalten sind, die die Staatsanwaltschaften ohne Beteiligung der Polizei direkt verfolgen, liegt die tatsächliche Zahl noch um einiges höher. Und der Trend zeigt weiter nach oben. Der Frankfurter Oberstaatsanwalt Manfred Maurer und seine Kollegen von der Konkursabteilung mußten seit Januar in rund fünfzig Prozent mehr Pleitefällen ermitteln als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Erschreckender noch als die Quantität ist die Qualität der Delikte. Ganoven in weißen Kragen gab es schon früher. Doch die Wirtschaftsverbrecher werden immer dreister", die Fälle krimineller Machenschaften immer gigantischer. Betrug, Bestechung, Bilanzfälschung oder Bereicherung ge;höreftin Deutschland mittlerweile zum Geschäfts5Aag. Un er df§§en laufen die Kontrollen zunehmend ins tesfe Erfahrene Banker lassen sich wie blutige Laien übertölpeln, Wirtschaftsprüfer unterschreiben bedenkenlos frisierte Zahlenwerke. Vorläufiger Höhepunkt der unrühmlichen Serie ist der Fall Balsam. Es spottet jeder Beschreibung, wie der Vorstand des Sportbodenherstellers aus Steinhagen im Zusammenspiel mit der Wiesbadener Factoring Firma Procedo über Jahre hinweg Millionengeschäfte vortäuschen und der Creme der Kreditwirtschaft, die sogar an Balsam direkt beteiligt ist, das Geld aus den Kassen ziehen konnte. Der unmittelbare Schaden aus den systematisch und, so Pöhl, mit "hoher krimineller Energie" betriebenen Manipulationen beläuft sich auf mindestens 1 7 Milliarden Mark. Zwar sitzen die verantwortlichen Manager inzwischen in Untersuchungshaft, doch das dürfte den rund 1300 Beschäftigten bei Balsam und ihren Leidensgenossen von Procedo nur ein schwacher Trost sein. Ihnen droht nach dem Konkurs beider Firmen die Arbeitslosigkeit.

Nach ähnlichem Strickmuster, wenn auch noch Nummern größer, trieb Jürgen Schneider sein Immobilienimperium in die Pleite und hinterließ bei seiner Flucht einen Berg von vier bis fünf Milliarden Mark Schulden. Indem er Mieteinnahmen vorgaukelte, die die tatsächlichen Werte um ein Vielfaches übertrafen, war es Schneider mit Leichtigkeit gelungen, die Banken hinters Licht zu führen. Geblendet von den glänzenden Fassaden seiner Gebäude hatten die Kreditmanager jegliche Vorsicht außer acht gelassen. Es schien die Finanziers auch nicht zu stören, daß ein Gericht Schneiders System, die Handwerker unter massiven Druck zu setzen, als Betrug abgestempelt hatte.

Ist das Kind in den Brunnen gefallen, suchen die Verantwortlichen ihr Heil in der Flucht. So führte es Heinz Schimmelbusch vor, nachdem er die Metallgesellschaft (MG) an den Rand der Pleite geführt hatte. Der ehrgeizige Vorstandsvorsitzende hatte aus dem verstaubten Handelsunternehmen einen modernen Mischkonzern machen wollen - ein ehrenwertes Ziel, das Schimmelbusch allerdings mit höchst dubiosen Mitteln ansteuerte: Bei Ölspekulationen in den Vereinigten Staaten setzte die MG fast zwei Milliarden Mark in den Sand Überleben konnte der Konzern nur durch massive Geldspritzen der Kreditinstitute, die trotz engster Verbindungen - Deutsche und Dresdner Bank gehören zu den Anteilseignern und sind im Aufsichtsrat vertreten - von alledem nichts gemerkt haben wollten. Die Zeche für das krasse Fehlverhalten des Managements müssen, wie meist in solchen Fällen, vor allem die Beschäftigten zahlen. Bei der Metallgesellschaft werden jetzt mehrere tausend Arbeitsplätze abgebaut.

Die deutsche Wirtschaft büßte nicht nur jenseits der Grenzen, wo mit unverhohlener Schadenfreude auf die Mißstände des einstigen Musterlandes reagiert wurde, erheblich an Reputation ein. Auch im Inland versetzten die spektakulären Fälle dem Urvertrauen in eine gewisse Grundseriosität von Unternehmern und Bankern einen schweren Schlag. Nur wenige blieben angesichts der Vorgänge gelassen "Schneider und MG stehen für den Einsturz von Mythen und Legenden. Die Ehrfurcht vor den Kathedralen des Geldes ist abhanden gekommen", meint Bernd Thiemann kühl. Der Chef der DG Bank vergißt allerdings zu erwähnen, daß das Kreditinstitut unter seinem Vorgänger Helmut Guthard mit der dubiosen Übernahme der Bayerischen Raiffei1 ™ milliardenschweren Gericht verhandelt wird, selbst kräftig an der Zerstörung der Legende mitgewirkt hat.

Der Stuttgarter Wirtschaftsstaatsanwalt Hans Richter glaubt zwar nicht an eine deutlich höhere kriminelle Energie in den Chefetagen, gleichwohl registriert auch er, daß die Schadenszahlen rapide gewachsen sind, und da bei Wirtschaftsstraftaten zunehmend "kundige Personen" wie Steuer- und Unternehmensberater oder Wirtschaftsprüfer mitmischten, ist es Richter zufolge schwieriger geworden, den Tätern auf die Spur zu kommen. Seine Frankfurter Kollegin Hildegard Becker Toussaint, die im Fall Schneider ermittelt, bestätigt: "Wir erhalten mehr Anzeigen Sei früher ein Konkurs eher bedauert worden, komme heute sofort der Verdacht des betrügerischen Bankrotts auf. Nicht zu Unrecht. Helmut Rödl, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, schätzt, daß bei den meisten Unternehmenspleiten strafbare Handlungen im Spiel sind. Das bedeutet freilich nicht, daß es die Chefs von vornherein auf Gaunereien abgesehen haben. In vielen Fällen, vor allem bei Familienbetrieben, sehen die Manager im Griff zu unerlaubten Mitteln die letzte Chance, das Unternehmen vor dem Untergang zu retten, meint Staatsanwalt Maurer. Aber immer häufiger ist nackte Geldgier das Motiv für Straftaten. Dies gilt vor allem, so Rödl, für die großen Affären wie Schneider, co op, DG Bank oder die Spekulationsaffären bei VW und Klöckner & Co. Zudem ist der Grat zwischen erlaubten und verbotenen Handlungen zuweilen schmal. Ist der VW Manager Jose Ignacio Lopez ein Industriespion, oder sind seine Konkurrenten und einstigen Kollegen bei Opel, die ihn mit Vorwürfen und Anschuldigungen verfolgen, die Schurken im Stück? Bei Mannesmann läßt zur Zeit der Aufsichtsrat klären, wie stichhaltig die Beschuldigungen gegen den Konzernchef Werner Dieter wegen dubioser Geschäfte zum eigenen Vorteil sind. Nicht zuletzt der deutsche Osten gilt als Tummelplatz für Schieber und Betrüger. Skandale haben die Arbeit der Treuhandanstalt von Anfang an begleitet. Zeitweilig überwog der Eindruck, daß windige Geschäftemacher weitgehend unbehelligt die ostdeutschen Unternehmen ausplündern "Zumindest 1990 in der Umbruchzeit war das so", bestätigt Staatsanwalt Richter, der früher als oberster Ermittler der Treuhandanstalt kriminellen Machenschaften im Firmenimperium von Birgit Breuel nachging "Die Treuhandanstalt wurde für eine Vielzahl von Straftätern zum lukrativen Angriffsobjekt", bestätigt Kriminaloberrat Uwe Schmidt von der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität in Berlin. Die aktuellen Schätzungen über den Schaden durch kriminelle Machenschaften zu Lasten der Treuhand: 1 4 Milliarden Mark.