Von Jörg-Dieter Kogel

Der Heilige Vater liebte es üppig. Seine größte Schwäche war die Freßsucht, der er zwar immer wieder mit Fastenkuren und häufigen Kasteiungen seines Körpers sowie beschwerlichen Prozessionen entgegenzuwirken suchte – doch bei Delikatessen aus Parma und französischen Klaretts konnte er einfach nicht nein sagen. Und wenn Clemens VIII. bei einem Festmahl verhindert war, ließ er sich zumindest die Speisenfolge eingehend schildern. Einer der ersten Gedanken nach seiner Wahl zum Papst im Januar 1592 galt denn auch einem zuverlässigen Küchenchef, den er hintersinnig einem machthungrigen Mitglied des Kardinalskollegiums, dem erst neunzehnjährigen Fürstensproß Odoardo Farnese, ausspannte.

Bis zu jenem Zeitpunkt, als Ippolito Aldobrandini den Papstthron bestieg, gebürte der erste Rang unter allen vornehmen römischen Familien zweifellos den längst etablierten und gekrönten Farnese. Doch das Konklave hatte die Lage von Grund auf verändert. Die aufstrebenden Aldobrandini mußten zwar mit dem Makel der Parvenüs ohne Adel und Vergangenheit leben, doch jetzt stellten sie den Pontifex maximus! Und damit verfügten sie mit einem Schlag über schier unermeßlichen Reichtum und Macht, die es erlaubten, führend im europäischen Ränkespiel um Einflußzonen und Herrschaftsansprüche mitzumischen.

Die Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Clemens VIII., einem gefräßigen Frömmler und eifernden Kämpfer gegen die Laster der Prostitution, und Kardinal Farnese, einem lebensgierigen Moralverächter und Liebhaber erotischer Kunst, sowie die Geschichte des Machtkampfes zwischen den beiden Familien, denen sie angehörten, erzählt der italienische Historiker Roberto Zapperi überwiegend anekdotenhaft, was im vorliegenden Fall nicht von Nachteil ist. Entstanden ist nämlich ein ebenso lehrreich wie vergnüglich zu lesendes Panorama des barocken Rom, in dem die Sünde auch nicht vor dem Vatikan haltmachte und man nächtens schon mal einem leibhaftigen Kardinal begegnen konnte, der das Schlafgemach einer Kurtisane bestürmte.

Rom zur Zeit der Gegenreformation: Das ist ungezügelte Wollust und Sündenpfuhl ebenso wie klerikale Zensur und Gängelung des privaten und öffentlichen Lebens – die Mächtigen natürlich ausgenommen. Die sind, wie die Farnese und Aldobrandini, mit Intrigen und offenem Rechtsbruch beschäftigt im Ringen um die mächtigste Stellung in Staat und Gesellschaft. Gelegentlich nimmt dieser Kampf, gespeist aus Neid und Mißgunst, bizarre Formen an, wie etwa in der Auseinandersetzung um die Fresken im Palazzo Farnese, deren erotische Anspielungen besonders ausgeprägt waren und die den zensorischen Eingriff des Papstes geradezu provozierten.

Auf Geheiß Clemens VIII. war der gesamte Bildschmuck in den Kirchen seines Bistums auf eroticis hin überprüft worden: Keine noch so kleine Spur entblößter Haut ließ der gestrenge Oberhirte durchgehen. Belastete Bilder mußten übermalt, Skulpturen bekleidet und nackte Brüste verdeckt werden. Unter diesen Umständen konnte die laszive Ausmalung der Galerie im zweifellos schönsten Palast der Stadt als doppelte Herausforderung des Papstes verstanden werden, dessen Intervention allerdings vergeblich blieb: In den Werken des Bologneser Malers Annibale Carracci triumphierte die Nacktheit des menschlichen Körpers – zum Verdruß des katholischen Oberhirten, der sich noch ein zweites Mal geschlagen geben mußte.

Für sein Grabmal hatte Clemens VIII. eine Darstellung der Tugend der Besonnenheit gewünscht. Der Wunsch wurde prompt erfüllt, doch erscheint die tugendhafte Dame, wie es dieser Papst stets hatte verhindern wollen: als barbusige Schönheit.