Hat Richard von Weizsäcker wirklich keine Fehler?" Erst bei dieser halb ironischen, halb ernsthaften Frage eines Kollegen wird mir richtig bewußt, mit welchem Bild Weizsäcker nach zehn Jahren aus dem Amt des Bundespräsidenten scheidet. Eine merkwürdige Ambivalenz offenbart es: Einerseits wird Weizsäcker in der kleinen Ahnengalerie der Bundespräsidenten als der politischste Amtsträger wahrgenommen. Andererseits erscheint dieses Politische wiederum so tadellos, daß es beinahe ungreifbar wird und sich gleichsam von selbst aufhebt.

I.

Diesen Widerspruch hat Richard von Weizsäkker durchaus registriert. Und er wollte ihn aus der Welt schaffen. Daran wird man erinnert bei der Lektüre von Friedbert Pflügers Buch über "Richard von Weizsäcker. Ein Portrait aus der Nähe". Pflüger, sein früherer Sprecher, heute Bundestagsabgeordneter, ist, wenn man so will, einer der professionellen Maler des Präsidentenbildes gewesen. Im Rheinischen Merkur hatte, wie sich bei ihm also nachlesen läßt, der früh verstorbene, konservative Journalist Ludolf Herrmann (am 15. Juni 1985) den Vorwurf des "Unpolitischen" erhoben.

Herrmann schrieb: "Die Gefahr, daß eine allzu verbindliche Suche nach Harmonie die Depressionen, unter denen die Bundesrepublik leidet, auf Dauer nicht verscheuchen, sondern eher verstärken wird, muß immerhin erwähnt werden. Der Bundespräsident muß darauf achten, daß die Mehrheit, die er sich sucht, nicht die Mehrheit der Unpolitischen ist. Daß die politischen Fronten sich heute unergründlich darstellen, weil sie ihre Substanz zu verleugnen suchen und schwach im Format sind, darf nicht dazu verleiten, sie von der Warte eines scheinbar überlegenen Relativismus noch zusätzlich verächtlich zu machen "

Zum Beleg zog der Autor die Antrittsrede Weizsäckers vom 1. Juli 1984 heran. Besonders deren protestantisch gefärbte Toleranz ging ihm zu weit. Liest man diese Rede heute neu, entdeckt man darin übrigens schon auf verblüffende Weise den Entwurf für die zehnjährige Präsidentschaft. Der kaum verborgene Zorn galt Weizsäcker auch deshalb, weil er kurz zuvor, in seiner Rede vom 8. Mai 1985, zur Befreiung Deutschlands von außen, den Widerstand der Kommunisten unterschiedslos neben den der Geschwister Scholl, Julius Lebers und des Grafen Stauffenberg gestellt hatte. Weizsäcker ließ diese Kritik gleichwohl keine Ruhe und auch dafür muß es Gründe geben. Auf keinen Fall sollte der Vorwurf des Unpolitischen an ihm haften bleiben. Um Himmels willen, diese Kritik durfte sich einfach nicht verselbständigen. Also griff er, wie Pflüger getreulich notierte, zur Feder und erwiderte: Es gebe einen Hang zum Unpolitischen im Land, schrieb er, aber er lasse sich nicht vorhalten, dazu beizutragen, wenn ei nach Harmonie suche. Ich bin wirklich verblüfft, daß Sie mir sozusagen ins Stammbuch schreiben. Freiheit ohne die Kraft zur Unterscheidung habe auf die Dauer keinen Bestand. Glauben Sie, ich widerspreche dem Satz?

Dann fügte er noch das Wort von der Ökumene hinzu, an der man verzweifeln könne, wenn man solche Kritik höre. Um endlich zu fragen: Kommen Sie gelegentlich wieder vorbei? Sie haben mir ja auch früher nicht Ihren Rat versagt.

Diese Episode muß man sich im Rückblick noch einmal in Erinnerung rufen. Erst im Rückblick nimmt man genauer wahr, daß tatsächlich so etwas wie eine kritikfreie Zone um ihn herum entstanden ist. Gelegentliche Unmutsäußerungen aus dem Kanzleramt, unterdrücktes Grollen von rechtsaußen, ein bißchen Spott über den Ersatzmonarchen und verhaltener Jubel des TvlZ Feuilletons übet das "Ende des Hochamts" mit Weizsäcker und den Neuanfang mit einem Nachfolger, der offenbar als taufrische Verkörperung der jungvereinigten Republik erscheint - das war es schon fast.