Verhornt

Ein Stachel im verhornten Sitzfleisch der Enkel Maos ist seit jeher der tibetische Buddhismus, dessen unerschrockene Anführer – ob hinter den Mauern eis- und schneegeschützter Klöster oder vor den Toren internationaler Menschenrechtskonferenzen – den Greisen von Peking immer wieder schmerzhafte Stiche versetzen. Daß die chinesische Führung auch im Umgang mit diesen ungeliebten Widersachern gerne auf das kleine Buch des Großen Vorsitzenden zurückgreift (vgl. Kapitel 10: Führung durch Parteikomitees), enthüllt nun ein UN-Berichterstatter. Wenn der Abt eines Klosters verstorben ist, muß der Nachfolger (nach traditionellem Glauben geht die Seele des Toten in einen anderen Körper über) „unter der Leitung eines Parteikomitees“ gesucht werden. Wichtigste Vorgabe: „Reinkarnationen dürfen nicht in den Familien von Mitgliedern der Kommunistischen Partei gefunden werden.“

Verspiegelt

„Jeder Mann ein Kinderschänder?“ Klotzig prangt der Verdacht auf dem Spiegel-Titel. (Zum Glück kann man das Fragezeichen hinter der – hoffentlich auflagefördernden – Titelgeschichte über „sexuellen Mißbrauch vor Gericht“ gerade noch erkennen.) Der Titel des Konkurrenzmagazins Focus dagegen lautet: „Kohl. Das Phänomen. SPD. Der Genossenstreit. PDS. Die alten Kommunisten.“ Mithin erlebt man eine Premiere: Erstmals geht in einer Woche der Spiegel mit einem nicht-politischen, Focus mit einem politischen Titel ins Rennen – die Hamburger focussiert, die Münchner verspiegelt. Das neue Magazin setzt einen Augenblick lang auf Politik, das alte verzichtet darauf – und das ausgerechnet nach einem Wahltag mit großen Folgen und vor dem Wahlparteitag der SPD. Der Ast, auf dem auch der Spiegel sitzt, heißt: politische Öffentlichkeit. Und den will er absägen? (Ja, doch. Noch gehört das Fragezeichen hinter diesen Satz.)

Ausgezeichnet

Christoph Dieckmann, Berliner Korrespondent der ZEIT, ist mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet worden. Die Jury der Hamburger Illustrierten Stern würdigte seine Fußballgeschichte „Eine Liebe im Osten“ über den FC Carl Zeiss Jena (ZEIT Nr.40/1993).

Aus der Redaktion

Von dieser Ausgabe an ist Peter Würth für das ZEITmagazin verantwortlich. Der 39 Jahre alte Journalist, geboren in München, schrieb für die Süddeutsche Zeitung und Abendzeitung, gründete eine Filmfirma, ging unmittelbar nach der Wende nach Dresden, um dort die Morgenpost aufzubauen, und war schließlich Chefredakteur von Country. Vom 1. Juli an übernimmt Astrid Borowski die Art-Direktion des Magazins. Bislang übte sie die gleiche Funktion bei Merian aus. Als Berater der Art-Direktion konnte Wolfgang Behnken von der Werbeagentur Baader, Lang, Behnken gewonnen werden.