Die Zähmung des Kapitalismus ist vor allem ein Verdienst der Gewerkschaften. Sie schätzten die Werktätigen vor Willkür und Ausbeutung – indem sie Arbeitsbedingungen und Löhne normierten und regulierten. Nun aber wird ihnen, aufgrund politischen Drucks und wirtschaftlichen Zwänge, das Gegenteil abverlangt: Deregulierung und Flexibilität. Damit jedoch und mit der Herausforderung neuer Märkte und Technologien tun sich noch immer viele Arbeitnehmervertreter schwer – mitunter zum Schaden ihrer eigenen Klientel. Ein Beispiel ist das Verhalten der Postgewerkschaft im zähen Streit um die Postreform, die Umwandlung des Staatsbetriebes in drei privatrechtliche Aktiengesellschaften.

Die Postgewerkschaft hat das politische Hickhack um die Reform genutzt, um für eine möglichst hundertprozentige Absicherung sozialer Besitzstände zu streiten. Das ist, zunächst einmal, ihr gutes Recht und, nach Meinung der Mitglieder, wohl auch ihre Pflicht. Es ging dabei eben nicht nur um das ominöse Kaltgetränk für die Postler und den billigen Urlaub an der Côte d’Azur, wie der wenig hilfreiche Spott der Arbeitgeber nahelegt. Neunzig Prozent der Postbeschäftigten gehören den unteren und mittleren Einkommens- und Besoldungsgruppen an. Ihre Furcht vor sozialem Abstieg ist verständlich.

Nicht zuletzt weil die SPD leichtfertig das Versprechen gab, nur bei einem fertigen Tarifvertrag der Postreform zuzustimmen, konnte die Gewerkschaft aber auch Vereinbarungen durchdrücken, die die Unternehmen selbst nach Meinung führender Sozialdemokraten an die Grenzen der Belastbarkeit treibt – und womöglich darüber hinaus. Daß dies so ist, liegt an der Tradition einer Gewerkschaft, die stets nur für ein im Wortsinn konkurrenzloses Unternehmen zuständig war, das sich um Rentabilität kaum scheren mußte. Diese Art der Tarifpolitik wird mit dem Staatsmonopolisten Bundespost untergehen.

Innerhalb der Industriegewerkschaften hat sich längst die Einsicht durchgesetzt, daß nicht jeder Arbeitsplatz und jeder Besitzstand erhalten werden kann, wenn nicht der gesamte Betrieb gefährdet werden soll. Wer es nicht glauben wollte, der mußte es spätestens in der zurückliegenden Rezession begreifen. Auch die Postgewerkschaft wird in Zukunft die bittere Lektion lernen müssen, daß Ausweis einer erfolgreichen Tarifpolitik nicht allein die möglichst umfassende soziale Ausgestaltung eines Arbeitsplatzes ist, sondern auch seine Wirtschaftlichkeit

Die Gewerkschaften haben sich angesichts von Konjunkturkrise und Strukturwandel, wachsender internationaler Konkurrenz und leerer Haushaltskassen an vielen Fronten in die Defensive treiben lassen. Sie führten in den zurückliegenden Jahren vor allem Abwehrschlachten – und verloren die meisten. Wer aber ständig mit dem Rücken zur Wand kämpft, wird nicht vorankommen. Statt unhaltbare Positionen und veraltete Strukturen zu verteidigen, müssen die Arbeitnehmerorganisationen ihre Kompetenz nutzen, um aktiv und offensiv eine sich ständig modernisierende Wirtschaft mitzugestalten.

Möglichkeiten gibt es genug – etwa, im Sinne des neuen DGB-Vorsitzenden Dieter Schulte, eine branchenübergreifende und zukunftsorientierte Strukturpolitik. Viele Gewerkschafter wissen mittlerweile aber auch, daß eine flexiblere, individuellere und leistungsorientierte Gestaltung des Arbeitslebens durchaus der Zufriedenheit und Motivation der Beschäftigten dienen kann. Wer einmal ein Postamt betreten hat, der kann sich, mit Verlaub, kaum des Eindrucks erwehren, daß es gerade beim gelben Staatsmonopolisten damit bislang nicht zum besten steht. Arne Daniels