HANNOVER. – Tatort: ein Alten- und Pflegeheim im Weserbergland. Paula Bünger (Name geändert, d. R.), 65, wird mindestens ein Jahr lang immer wieder in ihrem Zimmer eingeschlossen und im Bett festgeschnallt. Schließlich hält sie es nicht mehr aus. Eines Tages springt sie aus dem Fenster und bricht sich dabei beide Beine.

Wollte sich Paula Bünger das Leben nehmen? Wollte sie fliehen? Die Frage ist nicht zu klären. Weil die Heimbewohnerin psychisch gestört ist, gelten ihre Aussagen als unzuverlässig. Aber auch andere Angaben lassen zu wünschen übrig. "Alles hochgejubelt", sagt der Betreiber des Heims. "Schwer alkoholkrank" sei die Frau gewesen, habe ihre Mitbewohner bestohlen. Im Einverständnis mit ihren Kindern sei sie dann zeitweise eingesperrt und gefesselt worden. "Weil sie immer wieder ausgebrochen ist." Die Wortwahl ist verräterisch. Es hat den Anschein, als ob der Betreiber des Alten- und Pflegeheims, das sich "Kurhaus" nennt, sein Haus selbst als eine Art Gefängnis betrachtet.

In diesem "Kurhaus" war es in der Vergangenheit offenbar schon häufiger zu Suizidversuchen gekommen. Angehörige, aber auch Mitarbeiter hatten sich mit Beschwerden an das zuständige Gesundheitsamt Rinteln gewandt, das so auch auf Paula Bünger aufmerksam geworden war. Da die Heimleitung keine fachlichen Gründe nennen konnte, die es gerechtfertigt hätten, die Frau zu "fixieren", wie es im Fachjargon heißt, erstattete das Gesundheitsamt schließlich Anzeige. Die Staatsanwaltschaft Bückeburg ermittelte wegen des Verdachts auf Freiheitsberaubung und Nötigung, stellte das Verfahren aber schon nach kurzer Zeit "wegen geringer Schuld" wieder ein.

"Jeder Polizist, der einen Verdächtigen länger als 24 Stunden festhält, bekommt große Probleme, wenn kein richterlicher Beschluß vorliegt. Psychisch Behinderte dagegen sind offenbar der Willkür schutzlos ausgeliefert", sagt Wolfgang Gephart, Leiter der Abteilung Sozialpsychiatrie beim Gesundheitsamt Hannover. Gephart ist Vorsitzender der "Besuchskommission für die Angelegenheiten der psychiatrischen Krankenversorgung im Regierungsbezirk Hannover", die diesen Fall in ihrem Jahresbericht publik gemacht hat. Der unabhängigen Kommission gehören drei Psychiater, zwei Richter, Sozialarbeiter und Landtagsabgeordnete sowie ein Psychologe und eine Angehörigenvertreterin an. Die Kommission darf nach einem Landesgesetz Behinderte in psychiatrischen Einrichtungen notfalls auch ohne vorherige Anmeldung aufsuchen. Alten- und Pflegeheime sind davon allerdings ausgenommen. Hier blockt auch die Landesregierung ab. Dennoch kann die Besuchskommission im Falle "Paula Bünger" einen Teilerfolg verbuchen. Auf ihr Drängen hin nahm sich die Justizministerin der Sache an und verdonnerte die Staatsanwaltschaft Bückeburg dazu, die Ermittlungen gegen das "Kurhaus" wieder aufzunehmen.

Was den Fall aber zum Skandal macht, ist nicht nur die entwürdigende Behandlung einer hilflosen Heimbewohnerin, sondern der Umstand, daß eine seelisch schwerkranke Frau im Alter von fünfzig Jahren in einem Altenheim untergebracht worden ist, wo von Therapie keine Rede sein kann. Bereits vor fünfzehn Jahren nämlich war Paula Bünger eingewiesen worden, weil sie "alkoholkrank war und zu verwahrlosen drohte", wie der Heimleiter sagt. Mindestens sechs weitere Bewohner des Heims sind nach den Angaben des Betreibers ebenfalls psychisch gestört. Fachpersonal gibt es im "Kurhaus" hierfür nicht. Nur in Notfällen wird ein Nervenarzt von außerhalb angefordert.

Kein Einzelfall. Nach den Erfahrungen der Besuchskommission kommt es immer häufiger vor, daß jüngere Menschen, die psychisch krank sind, in einem Altenheim landen, weil sich anderswo für sie kein Platz findet. Dies gilt besonders für Mehrfachbehinderte, etwa chronisch Schizophrene, die zusätzlich minderbegabt sind. Da ihre Betreuung sehr aufwendig ist, ziehen psychiatrische Heime aus ökonomischen Gründen leichtere Fälle vor. Und die Ökonomie spielt in der Psychiatrie offenkundig eine große Rolle. "Die Versorgung seelisch Behinderter stellt einen großen Markt dar, auf dem viel Geld umgesetzt wird", ist im Bericht der Kommission nachzulesen.

Daß die Plätze so knapp sind, liegt nach Ansicht Gepharts auch daran, daß psychiatrische Einrichtungen ihre Patienten häufig auch dann behalten, wenn sie ihre Krise bereits überwunden haben und vergleichsweise "pflegeleicht", sprich profitabel sind. Als Sozialpsychiater stößt Gephart gelegentlich auf Menschen, die ihr gesamtes Leben in der "Klapsmühle" verbringen, nur weil sie irgendwann einmal aus der Bahn geraten sind.