Jeder kann in Kühe, Zirkustiger und Labormäuse hineindeuten, was er will. Das Schweigen der Lämmer wird im Wortschwall ihrer selbsternannten Vertreter beredt interpretiert. Tiere wollen Rechte, verkünden die Gutmenschen. Diese Tierrechtler haben andere Ziele als die Tierschützer, die dafür kämpfen, daß unsere Mitgeschöpfe anständig behandelt werden. Sie wollen einen Großteil der Menschenrechte auf Tiere übertragen. Im Klartext: Schlachten soll als Mord, Ungeziefervernichtung als Genozid und Tierhaltung als Freiheitsberaubung gegeißelt werden.

Dahinter steckt ein Weltbild, welches sich die Natur als eine Art Kurpark vorstellt, in dem nur der schreckliche Mensch wütet. Doch Tiere kennen keine moralischen Gesetze. Ihr Verhalten entzieht sich humanistischen Rechtsnormen. Deren Übertragung auf Tiere würde alle Fleischfresser zu "Mördern" stempeln. Die absurde Anklage läßt sich am Ende auch durch die Erfindung pflanzlichen Hundefutters nicht mehr umgehen.

Tierrechtler wie der Vegetarier-Guru Helmut F. Kaplan prägen heute das Bild des Tierschutzes. Dieser Herr droht, Buchläden, die Jagdliteratur führen, zertrümmern zu lassen, und vermag keinen moralischen Unterschied zwischen NS-Konzentrationslagern und tierquälerischen Massenställen zu erkennen. Solche Demagogen bestimmen mehr und mehr, was im Tierschutzbereich gedacht werden darf. Ihre Jünger glauben, besonders konsequent für die Tiere einzutreten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die vegetarischen Sturmtruppen werden zwar für eine Weile die Lufthoheit über dem Ethikdiskurs erobern. Doch irgendwann, wenn der letzte Gutwillige den Unsinn durchschaut hat, findet sich der Tierschutz in der Spinnerecke wieder, aus der er sich fast herausgearbeitet hatte.

Dabei ist das Thema wert, endlich ernst genommen zu werden. Wie unsere Gesellschaft mit Tieren umspringt – insbesondere mit denen, die wir essen das ist ein Abgrund der Grausamkeit und die industrielle Nutztierhaltung ein Skandal. Doch die Probleme sind nicht dadurch zu lösen, daß man den Hühnern symbolbefrachtete Rechte verleiht.

Politiker gaukeln Entschlußkraft vor, indem sie Tierschutz als Staatsziel ins Grundgesetz nehmen wollen. Doch was hilft’s, solange 80 Millionen deutsche Tierfreunde jedes Jahr fast 27 Millionen Schweine essen? Der Einkaufszettel ist entscheidender als eine hübsche neue Passage im Grundgesetz.

Die Verrechtlichung führt zu immer absurderen Vorschriften: Forscher, die eine Maus töten wollen, sollen zuvor einen Stapel Formulare ausfüllen. So verlangt es einer der Entwürfe zur Reform des Tierschutzgesetzes. Der gleiche Wissenschaftler darf allerdings nach Feierabend Mausefallen aufstellen – ohne Antrag, wie jeder andere auch. Dann fehlt nur noch ein Jurist, der die Privilegien der Labormäuse auch für die Hausmäuse erstreitet. Solcher Unfug ist nur möglich geworden, weil Tierrechtler großen Teilen der Bevölkerung suggeriert haben, medizinische Forschungsstätten seien Sadistentreffs, wo eiskalte Gefühlskrüppel sich daran ergötzen, Affen Sonden in die Schädel zu schrauben.

Die Tiere haben bessere Vertreter verdient: Menschen, die Argumenten zugänglich, zur Selbstkritik fähig, wißbegierig sind – und Tierschutz nicht mit Menschenhaß verwechseln. Wer wissen will, was für Schwäne und Schweine gut ist, sollte sich zunächst einmal mit diesen Tieren befassen und die Fachleute fragen. Beschränkt er sich auf hohles Tierrechtspathos, hört ihm bald kein Schwein mehr zu. Michael Miersch