BAD KISSINGEN. – Justitia hat die Augen verbunden, nur deshalb überkommt sie im Amtsgericht nicht das kalte Grausen.

Denn dort werden Angeklagte in Verhandlungspausen am Heizkörper angekettet, weil Zellen fehlen und die Polizeiinspektion zu weit entfernt liegt. Vernehmungen finden auf dem Gang vor der Toilette statt, weil das Richterzimmer zu klein ist und ein Vernehmungszimmer fehlt. Anwälte beraten ihre Mandanten auf dem Flur, während Staatsanwalt, Zeugen und Publikum diskret weghören, denn ein Besprechungszimmer gibt es nicht. Vermögensverzeichnisse für eidesstattliche Versicherungen werden vor aller Augen an einem Tisch im Treppenhaus ausgefüllt; und die Putzfrau muß sich im Kellergang umziehen.

Mit seiner ausgelagerten Nebenstelle hat das Amtsgericht 1080 Quadratmeter Büroraum, knapp 1000 Quadratmeter fehlen. Seit fast fünfzehn Jahren kämpft Dieter Scheicher, der Direktor des Amtsgerichtes, für ein größeres Dienstgebäude. Bislang vergeblich. Dabei sind sich alle einig: die Mitarbeiter, die Richter, die Anwälte, die Staatsanwälte und die Klienten. Sogar das Justizministerium in München hat zustimmend genickt.

Doch es geschieht nichts. Im Gegenteil, von Jahr zu Jahr wird die Situation schlimmer. Die Arbeit nimmt zu, mehr Personal und mehr Akten müssen untergebracht werden. Aus dem Beratungszimmer des Schöffengerichtes wurde ein Richterzimmer, das Anwaltszimmer ist heute ein Büro. Als 1862 das Haus gebaut wurde und 1934 erweitert, dachte niemand an behindertengerechte Eingänge; heute gibt es eine Klingel: Die Wachtmeister tragen Rollstuhlfahrer ins Gebäude, notfalls bis unters Dach. „Der Einbau eines Fahrstuhles ist nicht möglich“, sagt Heinz Steidle, der Geschäftsstellenleiter. Schon jetzt ist das Treppenhaus viel zu eng, und die Bausubstanz würde solche Arbeiten nicht überstehen. Als in der Poststelle, die zugleich Wachstube, Telephonzentrale und Portiersloge ist, neue Anwaltsfächer eingebaut wurden, rissen die Wände in den Räumen darüber. Derzeit ist ein Gutachten in Arbeit, doch Steidle weiß schon jetzt: „Die Decken sind an der Grenze ihrer Belastbarkeit.“ Große, schwere Aktenschränke werden erst gar nicht mehr aufgestellt.

Doch dafür wäre sowieso kein Platz. Akten, die länger als fünf Jahre abgelegt sind, kommen ins dreißig Kilometer entfernte Hammelburg. Dort hat das Amtsgericht eine zweite Nebenstelle mit zwölf Mitarbeitern und Platz. Doch in Nachlaß- und Familiensachen werden die alten Unterlagen benötigt. Die Akten müssen angefordert, die Klienten vertröstet werden. Das kostet Geld und Nerven.

Verglichen mit dem Grundbuchamt, ist das jedoch nur halb so schlimm. Der Raum mit den Grundstücksverzeichnissen ist übervoll. „Hier drängen sich täglich die Menschen, die Einsicht nehmen wollen“, erzählt Steidle und weist auf den Tisch mit zwei Stühlen. Für mehr ist kein Platz, dabei sieht der amtliche Bedarfsplan hundert Quadratmeter allein für Leseplätze vor. Die alten Grundbücher werden schon im Keller aufgehoben, doch „der ist partout nicht trocken zu kriegen“, sagt Scheicher und zeigt die Flecken an der frischgeweißten Wand. Die wertvolleren Stücke wurden deshalb ans Staatsarchiv ins hundert Kilometer entfernte Würzburg abgegeben, doch da muß für jede Kopie bezahlt werden.

Als die US-Army im Sommer 1992 ihre Kaserne in Bad Kissingen räumte, witterte Scheicher Morgenluft: „Wir haben gedacht, das ist unsere Jahrhundertchance, und die wollen wir nutzen.“ Das Justizministerium zog mit, versprach einen Neubau und begann Grundstücksverhandlungen mit dem Bund. Doch dann präsentierte die Stadtverwaltung immer neue Ideen, wie der Neu- durch einen Anbau vermieden werden könnte. „Es wird uns vieles angeboten, was den Anbietern nicht gehört“, faßt Scheicher diese Vorschläge zusammen. Das Ministerium läßt sie alle prüfen, doch die Verhandlungen stocken, und dem Landbauamt ist mittlerweile vor lauter Alternativen die Lust am Planen vergangen. Werner Herbst