Früher, auf Klassenfahrten, standen wir den Aufenthalt in einer Jugendherberge sowieso nur durch, weil es ein Leben nach der Bettruhe gab. Um zehn Uhr abends, wenn der Klassenlehrer sein Nachtlager bereitete, der Herbergsvater mit dem großen Schlüsselbund seine letzte Runde drehte, war bei uns Pennälern alle Verpenntheit wie weggeblasen: Völker, hört die Signale, auf zum andern Geschlecht!

Nachdem die offizielle Herbergsbeleuchtung erloschen war, begannen die Stunden der irrlichternden Taschenlampen. Dick wurde Zahnpasta auf die Türklinke des Paukers geschmiert. Unser Expeditionsfieber bekämpften wir mit Lambrusco. Wie brachte man es fertig, den möglicherweise bissigen Schäferhund des Hauses auf dem Schleichweg in den Mädchentrakt auszutricksen? Und würden die Knoten zwischen den Bettlaken halten, wenn wir uns von Fenster zu Fenster abseilten?

Und natürlich gehörte es zu den ungeschriebenen Gesetzen unserer nächtlichen Abenteuer, daß wir von der achtköpfigen Belegschaft des Mädchenzimmers mit einem zärtlichen Hagel aus Kopfkissen empfangen wurden. Unser Lehrer hat von diesen Eskapaden nie etwas erfahren, sich aber nur gewundert, warum wir tagsüber immer so schlapp waren.

Diese prickelnden Erinnerungen schössen mir durch den Kopf, als die Nachricht des Deutschen Jugendherbergswerks einging. Zunächst stufte ich sie als Ente ein, weil sich weder Gauweiler noch der Erzbischof von Fulda in größter moralischer Entrüstung zu Wort meldete, um für das letzte Bollwerk zum Schutz der Jugend vor sich selbst zu Felde zu ziehen.

Doch es ist wahr: In einer durchaus buchstäblich zu nehmenden Nacht-und-Nebel-Aktion wurde in den 627 deutschen Herbergen die Trennung der Geschlechter abgeschafft.

Natürlich gehen mit der neuen Libertinage ein paar kleingedruckte Einschränkungen einher. Zur Beruhigung aller besorgten Eltern erfolgt die koedukative Einquartierung nur an volljährige Gäste.

Doch auch diese hätten keinen Anspruch auf gemischtgeschlechtlich belegte Etagenbetten, wiegelt die Jugendherbergszentrale in Detmold ab. Die Herbergseltern sollen Männlein und Weiblein beim Einchecken mit prüfender Miene auf ihre sittliche Reife taxieren. Man will schließlich Ärger und Unruhe im Haus verhüten.