Silvesterabend 1992/93, das Restaurant im Hamburger Fernsehturm ist bis auf den letzten Tisch besetzt. Ein Festmenü und eine wunderbare Fernsicht werden geboten. Aber nach einigen Tagen entdeckt der Geschäftsführer „Unregelmäßigkeiten“ in den Abrechnungen seiner Kellner; es fehlen angeblich 720 Mark.

Eineinhalb Jahre später kommt es vor dem Hamburger Amtsgericht zur Verhandlung. Die sechs Angeklagten sind in dunklen Anzügen erschienen, in ihrem Beruf sind Krawatten noch selbstverständlich. Zur Sache äußern sie sich alle gleich. Am Silvesterabend sei es hektisch zugegangen, vielleicht sei bei dem einen oder anderen Gast nicht richtig kassiert worden, aber niemals hätten sie in die eigene Tasche gewirtschaftet. Mittlerweile sind alle sechs entlassen worden. Zu Unrecht, wie die Arbeitsgerichte geurteilt haben.

Eigentlich darf der Geschäftsführer, Herr St., gar nicht hören, was vor seiner Zeugenaussage im Prozeß geschieht. Um dennoch informiert zu sein, hat er seinen Hausmeister als Lauscher in den Saal geschickt. Dummerweise fällt das auf. So hat Herr St., ein stämmiger Mann mit buschigen Augenbrauen, schon einen schlechten Eindruck gemacht, noch bevor er ein einziges Wort sagen konnte.

Am Silvesterabend hat er von den angeblichen Umtrieben seiner Kellner sowieso nichts bemerkt. Sein Verdacht stützt sich allein auf das elektronische System, mit dem die Getränkeausgabe überwacht und anschließend die Rechnungen erstellt werden. Einzelne Tische hätten, so der Computerauszug, verdächtig wenig konsumiert. Weiterhin hätten Nachfragen bei den Gästen ergeben, daß sie durchaus mehr verzehrt hätten. Triumphieremd hält Herr St. zwei belastende Quittungen in dlie Höhe. Die Gäste bestätigen, mehr getrunken zu haben. Aber haben sie auch mehr bezahlt? Oder hat nur ein überlasteter Ober falsch kassiert?

Wie ein Schwarm Krähen stehen die sechs Anwälte um den Zeugen und seinen geöffneten Aktenkoffer herum, immer wieder zuckt einer vor, um nach einem Belegzettel zu picken. Schnell finden die Anwälte heraus, daß andere Gäste deutlich weniger konsumiert haben wollen, als ihre Buchungen ausweisen. Das wäre ja Betrug am Kunden zugunsten des Restaurants und nicht des Kellners, so ein Anwalt spitz. Herr St. ist verdutzt, so hat er die Angelegenheit noch nicht betrachtet.

Einen Moment rufen alle durcheinander, bis sich herausschält, daß auf die Quittungen „irgendwie“ kein Verlaß ist, auf die Auskünfte der Gäste vielleicht auch nicht.

Die Verhandlung steckt in einer Sackgasse, mit den spärlichen Indizien wird man nicht weiterkommen. Der gutgemeinte Vorschlag, den die Richterin als Ausweg anbietet, der Zeuge möge doch „bitte schön“ alle Belege des Abends und weitere Auskünfte seiner Gäste bis nächste Woche beibringen, wird von einem Rechtsbeistand vereitelt. „Na, na, wo sind wir denn“, grinst er der Richterin süffisant ins Gesicht, „es kann doch nicht Aufgabe des Zeugen sein, Beweismittel ins Verfahren einzubringen und seinerseits andere Zeugen zu befragen.“