In Börsenkreisen zählen nach wie vor latente Inflationsbefürchtungen zu dem Bukett von Gründen für die hartnäckige Schwäche auf den wichtigsten Wertpapiermärkten in Europa und Übersee. Als Brutherd dieser kursfressenden Epidemie gilt die New Yorker Börse an der Wall Street. „Sie hat uns alle angesteckt“, meinte dieser Tage ein Kursmakler auf dem Parkett. Der Inflationsbazillus scheint inzwischen aber den Rückzug aus den Köpfen der Börsianer angetreten zu haben. Jetzt gilt US-Präsident Clinton als der eigentliche Unruhestifter an den Weltbörsen.

Ihm lastet man Führungsschwäche an, die mit dem Risikoaufschlag in Form höherer Kapitalmarktzinsen und einer weltweit verunsicherten Börsenlage bezahlt werden müsse. Der schwelende Handelsstreit zwischen den USA und Japan gilt als Musterbeispiel einer verfehlten Wirtschaftspolitik.

Interessanterweise sieht US-Notenbankchef Alan Greenspan keine aktuellen Inflationsgefahren. Sorgen bereitet ihm aber die Angst der amerikanischen Marktteilnehmer davor.

Inzwischen scheint die Zeit zunächst einmal reif für eine Kurserholung an den Wertpapierbörsen. In Deutschland kommt erleichternd hinzu, daß die Teuerungsrate in den alten Bundesländern jetzt zum erstenmal seit drei Jahren unter die Schwelle von drei Prozent gesunken ist.

Schon in den vergangenen Tagen war die Kursentwicklung der bekannteren deutschen Aktien nicht einheitlich schwach. Die Optimisten unter den Marktteilnehmern folgern aus dieser Tendenz, daß der Dax endlich Boden unter seinen Füßen zu ertasten vermag. Im Chemiebereich präsentierten sich die „Großen Drei“ BASF, Bayer und Hoechst per saldo wenig verändert. Gut im Rennen lagen Wella-Vorzüge mit einer Kurserholung von rund fünf Prozent. Man geht davon aus, daß der Einstieg bei 4711 dem Haarkosmetik- und Duftkonzern gut bekommen wird. Unter den Geldinstituten wurde allein Deutsche Bank stark im Kurs zurückgestuft. Das weltweit bislang hochangesehene Institut dürfte zumindest für einige Monate unter „Imageschäden“ leiden. Konträr dazu konnte die Dresdner Bank im Kurs zulegen.

Am Rentenmarkt hat sich die durchschnittliche Umlaufrendite der Anleihen von Bund, Bahn und Post nach dem Höchststand von 7,10 Prozent in der vergangenen Woche bis auf 6,94 Prozent wieder etwas zurückgebildet. tr