Von Dietmar H. Lamparter

Auf "die Juristen" in Brüssel ist Wolfgang Bühler, Vorstandsvorsitzender der Gustav und Grete Schickedanz Holding in Nürnberg, gar nicht gut zu sprechen. "Da wird ständig vom gemeinsamen Binnenmarkt geredet, und dann stehen doch wieder die nationalen Märkte im Vordergrund." Was Bühler so aufregt, sind die Auflagen der Kommission, die der Schickedanz-Gruppe einen großangelegten Deal mit dem Markenartikelmulti Procter & Gamble (Ariel, Pampers, Valensina) gehörig vermiesen.

Anfang Dezember 1993 gab die Schickedanz-Holding (17,5 Milliarden Mark Umsatz; Versandhaus Quelle, Noris Bank) bekannt, daß sie ihr in der Vereinigte Papierwerke Schickedanz AG (VP) zusammengefaßtes Markenartikelgeschäft mit seinen 3700 Mitarbeitern komplett an die deutsche Tochter des US-Konzerns Procter & Gamble (P & G) aus Cincinnati verkaufen werde. VP-Marken wie Tempo-Taschentücher, Camelia-Damenbinden, Moltex-Windeln oder Bess-Toilettenpapier fügten sich ideal in das P & G-Hygienesortiment, das von Pampers bis always ultra reicht. Damit ihnen die Kartellwächter in Berlin aufgrund der starken Stellung der beiden Firmen auf dem deutschen Markt nicht dazwischenfunkten, hatten sie den Verkauf bei der EU-Kommission zur Genehmigung angemeldet.

Zunächst schienen die Signale der "maßgeblichen Leute" in Brüssel auch durchweg positiv, sagt Bühler. Geschickt hatten die beiden Vertragspartner angeboten, die VP-Windelmarke Moltex auszugliedern und an einen Dritten zu verkaufen. Schon jetzt beherrscht P & G mit Pampers und Luvs sechzig Prozent des deutschen Marktes: Doch diese und weitere freiwillige kleine Zugeständnisse genügten den EU-Kartellwächtern in Brüssel nicht.

Die Konkurrenz lief in Brüssel Sturm – und deren Argumente zeigten Wirkung: Camelia, die erfolgreiche Damenhygienemarke, so die Auflage aus Brüssel, müsse ebenfalls veräußert werden, sonst würde der Verkauf nicht genehmigt. Zusammen mit dem P & G-Pendant always ultra käme Camelia in Deutschland auf einen Marktanteil von rund sechzig und in Spanien gar auf über achtzig Prozent. Angesichts der Markenpower von Procter & Gamble würden Newcomer da kaum noch eine Chance haben.

"Absolut unverständlich" ist das allerdings für Bühler und seine Vertragspartner von P & G: Die Schwalbacher Markenspezialisten hätten den Binnenmarkt gern als Ganzes betrachtet und zudem Binden, Slipeinlagen und Tampons als ein einheitliches Marktsegment gesehen. "Die EU hat schließlich bald fünfzehn und nicht nur zwei Staaten", schimpft P & G-Sprecherin Christel Karesch.

Die Verärgerung ist verständlich: Erfüllen die Vertragspartner die Auflagen aus Brüssel, so wird der Deal für beide Seiten deutlich weniger attraktiv. Moltex und Camelia bringen fast die Hälfte des Umsatzes der Vereinigten Papierwerke (1993: 1,44 Milliarden Mark; Gewinn: 36 Millionen Mark), zudem sind sie in vielen europäischen Ländern Marktführer oder liegen knapp dahinter. Noch weniger passen dürfte P & G die Auflage, daß die Marken Camelia und Moltex nur an Unternehmen gehen dürfen, die im Konsumgütermarkt sowohl erfahren als auch finanzstark sind. Für den Schickedanz-Clan dürfte in diesem Fall auch ein weniger attraktiver Preis herausspringen. Das hohe Gebot von fast einer Milliarde Mark wiederum, so weiß die Konkurrenz, habe schließlich beim VP-Verkauf den Ausschlag zugunsten der Pampers-Leute gegeben.