Kürzlich hatte ich beruflich bei der Firma Klopstock & Schlegel zu tun und staunte Bauklötze, als ich in dem Großraumbüro einen Herrn aus der Klasse der Besserverdienenden bemerkte, der die Papierkörbe leerte. Auf mein verdutztes Gesicht hin nahm mich der Abteilungsleiter Ludl beiseite und flüsterte mir zu: „Nicht weiter beachten, ja, das ist unser früherer Personalchef, Dr. jur. Prall. Seine Stelle mußte wegen Personaleinsparung nach 35jähriger Betriebszugehörigkeit abgebaut werden. Anscheinend vertrug er aber den Müßiggang nicht und wollte sich partout weiter bei uns nützlich machen. Jedenfalls trauten wir unseren Augen nicht, als er wie gehabt jeden Morgen pünktlich seinen Dienst antrat und sich beispielsweise sofort daran machte, die Aschenbecher zu säubern.

Anfänglich war es uns natürlich ziemlich peinlich, unseren ehemals allgewaltigen Chef als Mädchen für alles einzusetzen und ihn auf seinen Wunsch hin schlicht Jupp zu nennen. Aber bald kannten wir nicht die geringste Scheu mehr, ihn in die Kantine zu schicken, um Kaffee zu holen. Dr. Prall legte ihm eine Akte zum Gegenzeichnen vor: „Und die bringen Sie bitte schnurstracks in die Vorstandssitzung in 2B.“ Er wandte sich mir wieder zu: „Unser Jupp hat sich inzwischen unentbehrlich gemacht, zumal er den Laden hier aus dem Effeff kennt. Er kommt morgens als erster, verläßt das Büro als letzter und macht sogar Überstunden, natürlich unbezahlt. Als bester Bürodiener, der je für Klopstock & Schlegel wirkte, hätte er glatt einen Orden verdient. Weil er sich auf jedem Posten so bewährte, wird er inzwischen mit verantwortungsvolleren Aufgaben betraut, darf zum Beispiel auch mal den Liftboy vertreten oder unsere jungen, dynamischen Chefs chauffieren.“

Herr Dr. Prall fummelte im Nebenraum an einem Staubsauger herum. „Wie Sie sehen, ist er sich für nichts zu schade und ein Vorbild für uns alle“, sagte Herr Ludl. Und dann, zu Dr. Prall gewandt: „Jupp, wenn Sie diese Faxrollen gleich zu Dr. Stanz bringen.“ „Und womit beschäftigen sich Ihre eigentlichen Bürodiener?“ – „Die schlagen ihre Zeit in der Kantine tot. Übrigens macht das Beispiel Dr. Prall Schule. In einigen Firmen melden sich ehemalige Chefs, um sich als Fahrradkurier anzudienen.“

Dr. Prall ließ plötzlich alles stehen und liegen und riß die Tür zum Gang auf. „Das ist eine Macke von unserm Jupp. Weil der Aufschwung praktisch vor der Tür steht, will er ihn nicht verpassen und sofort zur Stelle sein, wenn er wieder als Chef gebraucht wird.“