Von Jörg Albrecht

Berlin

Ein Festakt wird es nicht werden. Auch kein Tag, an dem die Vergangenheit beschworen wird. An diesem Freitag wird nur ein Behördenschild ausgewechselt, und aus dem Berlin Document Center (BDC) wird die Berliner Dokumentenzentrale.

Beinahe fünfzig Jahre hat es gedauert, bis die Deutschen wieder Herr über zwölf Jahre Geschichte wurden. Zwölf Jahre Geschichte, die ihren Niederschlag in vierhundert Tonnen Papier gefunden haben. Gründlichkeit war schließlich die herausragende Sekundärtugend jener Organisation, die sich 1933 daranmachte, die Welt das Fürchten zu lehren.

In Berlin lagern bis heute folgende Aktenbestände: NSDAP-Mitgliederkartei (10 704 000), Mitgliedschaftsanträge (600 000), Parteikorrespondenz (1 400 000), SS-Führer-Akten (61 465), Rasse- & Siedlungshauptamt-SS (238 600), weitere SS-Bestände (329 000), SA-Bestände (260 366), Oberstes Parteigericht (90 000), Rückwandereramt (16 585), Einwandererzentralstelle Litzmannstadt (2 106 557), Reichskulturkammer (185 000), Volksgerichtshof (50 315), NS-Lehrerbund (500 000), Reichsärztekammer (72 000) sowie Parteistatistik Berlin (220 000). Mithin rund 140 Millionen Blatt Papier über 15 Millionen deutsche Staatsgenossen, die dem Hitler-Regime treu ergeben waren. Ein Erbe, auf das so mancher gern verzichtet hätte.

Mitarbeiter der Abteilung G-2, die Dokumentenjäger der Supreme Headquarters Allied Expeditionary Forces, waren es, die schon vor dem Sieg der Alliierten darangingen, die schriftlichen Zeugnisse der Naziherrschaft zu sammeln. Der größte Fund gelang ihnen in der Nähe von München; dort hatten SS-Männer kurz vor der Kapitulation die nahezu komplette Mitgliederkartei der NSDAP zur Altpapierverarbeitung in eine Mühle geschafft. In Bergwerken, in Kellern, in Eisenbahnwaggons stöberten die Dokumentenfahnder weiteres Material auf. Die gesammelte Aktenbeute wurde später im Berliner Stadtteil Zehlendorf in einer ehemaligen Abhörzentrale der Gestapo gelagert.

Wasserkäfersteig 1 hieß fortan die idyllische Adresse der braunen Hinterlassenschaften. Von den Nürnberger Prozessen bis in die Gegenwart hinein konsultierten Naziverfolger das Berlin Document Center als unverzichtbare Quelle. Historiker begehrten Auskunft, Angehörige von Opfern, Staatsanwälte, Richter und Journalisten, aber auch Sammler fragwürdiger Reliquien.