Von Fritz J. Raddatz

Daß bei einem seiner berühmten „George-Dinners“, wie seine Freunde die Londoner Abendessen von Lord Weidenfeld nennen, die Tischdame Flick heißt, links Harold Pinter sitzt, gegenüber der deutsche Botschafter und neben ihm Gudrun Wagner (deren Mann Wolfgang den zweiten Tisch präsidiert), ist nichts Besonderes; bei anderer Gelegenheit können es auch Nadine Gordimer, Joachim Fest und der israelische Außenminister sein. „Ich gebe mindestens drei solcher Dinner im Monat, und für die Einladung der Gäste gibt es zehn verschiedene Gründe“, sagt der 74jährige Lord Weidenfeld, noch immer non-executive chairman des von ihm gegründeten und jüngst profitabel verkauften Verlags, unter einem Bacon-Bild am Kamin behaglich seine Zigarre paffend.

Was für Gründe? George Weidenfeld, 1935 aus Wien nach London emigriert, dort zuerst bei der BBC tätig und bald Verleger politischer wie belletristischer Literatur, ist gleichsam seine eigene Erfindung: die Person als Salon. Der Mann, der vier Sprachen spricht und zwischen Racine, Virginia Woolf und Richard Wagner mühelos pirouettiert (aber ebensogern zwischen Millionären und Milliardärinnen), bezeichnet sich selber als seamless continuum, nahtloses Ganzes, und vom Gewebe seiner internationalen Verbindungen sagt er: „Das Netz muß immer da sein und weitergesponnen werden. Wenn das Netz reißt wie das Nornenseil, passiert etwas.“

Als glanzvollste Fliege hat die Spinne in ihr Netz jetzt das Europaeum eingewoben, ein von Oxford ausgehendes Verbundsystem renommierter europäischer Universitäten: „Von einer Reise durch Mittel- und Osteuropa nach der Wende kam ich zurück mit dem Bewußtsein, daß es in Europa dringend an Ausbildungsmöglichkeiten fehlt für die neuen Führungskräfte, in einem paneuropäischen Sinn; daß besonders in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten eine zielbewußte Ausbildung der künftigen Eliten unerhört wichtig wäre. Wir haben uns zusammengetan, mein Freund Sir Ronald Grierson, ein aus Deutschland stammender Bankier, der Präsident der Universität Oxford, Roy Jenkins, und der Rektor und Vizekanzler, und ich habe ihnen vorgeschlagen, ein Netzwerk von europäischen Instituten zu gründen, mit Lehrprogrammen, die man koordinieren und in denen man dann den Magister iuris European Studies erwerben kann, einen höheren Grad, der sich vor allem auf Jura, europäisches Gemeinschaftsrecht und so weiter bezieht, oder den Magister philosophiae European Studies, ein Amalgam aus Politologie, Zeitgeschichte, internationalem Recht, Wirtschaft und Kultur – das sind die Beine, auf denen das Institute of European Studies in Oxford steht, und das Netzwerk aller dieser Projekte heißt: das Europaeum.“

Im Sinne von Isaiah Berlin – der von Anfang an ein Mentor dieser Idee war – gibt es attachierte Lehrstühle, zum Beispiel für „European Thought“, und zugeordnete Dozenten – aus Kanada, aus den USA oder aus Holland. Die Zusammenarbeit mit den Universitäten Leiden und Bonn ist ratifiziert, Verhandlungen mit den Universitäten Bologna, Genf und Paris sind im Endstadium, Vorverhandlungen mit Madrid und Lissabon sind angebahnt.

Wie funktioniert so was? „Wir haben eine Holding, ein Management Board, in dem sowohl Akademiker als auch Laien sitzen, Fürst Hans Adam von Liechtenstein ist der Präses, aus Deutschland sind Maja Oetker und Gert-Rudolf Flick dabei, ein Italiener, Ronald Grierson und ich und der Vizekanzler und der Präsident von Oxford ex officio. Sie bestimmen über die Aufteilung des Geldes. Dann gibt es ein rein akademisches Board, Bonn, Bologna, Leiden sind darin vertreten. Die Studiengänge werden gemeinsam oder komplementär geplant. Es gibt Sommerkurse, eine jährliche Konferenz, die Europaeum-Konferenz. Wir haben eine erste im vorigen September veranstaltet, die zweite ist für den kommenden September geplant.“

„Wir denken da“, sagt George Weidenfeld, „in konzentrischen Kreisen. Der erste Zirkel ist der Kreis der Universitäten in voller Mitgliedschaft. Der zweite schließt Universitäten außerhalb Europas ein, die sich sehr intensiv mit europäischen Studien beschäftigen, zum Beispiel Harvard, Georgetown, Istanbul, die Hebrew University of Jerusalem. Und dann, als äußerster Kreis, Institute wie das Wissenschaftskolleg in Berlin.“ Die Inhalte der Ausbildung, ehrgeizig ausgerichtet nach der Kennedy School of Government in Harvard, divergieren von der Währungsreform in der Ukraine bis zur Errichtung eines diplomatischen Dienstes in Litauen.