Von Christof Dipper

Wer heute das „Dritte Reich“ insgesamt betrachtet, dem steht vor allem Auschwitz vor Augen. Dies ist verständlich und auch legitim. Aber es ist vom Ende her gesehen und damit, wenn es als einziges Faktum übriggeblieben ist, „unhistorisch“. Niemand versteht das „Dritte Reich“, wenn er nur auf Auschwitz blickt, er versteht nicht einmal den Widerstand.

Seit ungefähr fünfzehn Jahren ist die deutsche Geschichtswissenschaft dabei, jenes Werk wieder abzureißen, das sie seit 1945 selbst errichtet hat: die unhistorische Monumentalisierung des deutschen Widerstandes, der für die „Gründungsidee der Bundesrepublik“ (Habermas) eine wichtige Rolle gespielt hat. Viele, ja die meisten Tabuzonen sind mittlerweile betreten. Alle Historiker betonen inzwischen, daß die Verschwörer nicht nur auf den Sturz Hitlers hingearbeitet hätten, sondern daß sie auch an der Errichtung seiner Herrschaft maßgeblich beteiligt gewesen seien.

Es versteht sich dabei von selbst, daß „Widerstand“ sich hierbei ausschließlich auf die nationalkonservativen Gruppen bezieht, die seit Brünings Präsidialkanzlerschaft und insbesondere seit seinen Amtsnachfolgern Deutschland regierten, zur Machterhaltung aber die NSDAP beteiligen mußten, die ihrerseits gelernt hatte, daß es ohne Koalition wohl nicht gehen würde und mit diesen Kräften daher seit 1931 in der „Harzburger Front“ ein taktisches Bündnis eingegangen war.

Am breiten antisemitischen Konsens dieser seit 1933 uneingeschränkt herrschenden Kräfte besteht kein Zweifel. Sowohl für die Nationalsozialisten als auch für die nationalkonservativen Eliten war die „Judenfrage“ ein Problem, das es zu „lösen“ galt. Auf Einzelheiten hatte man sich vor der „Machtergreifung“ jedoch nicht verständigt, so daß die beiden Partner hier wie auf vielen anderen Gebieten teils kooperierend, teils in Konkurrenz zueinander handelten. So erklärt es sich, daß die „Judenpolitik“ des „Dritten Reiches“ bei denjenigen, die später als Opposition hervortraten, nur insofern auf prinzipielle Ablehnung stieß, als Krawalle und Gewaltanwendung nicht als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele galten.

Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 hingegen samt seiner antisemitischen Stoßrichtung entsprach einer schon alten Forderung der Rechtsparteien und begegnete darum von dieser Seite zunächst keiner Kritik. Zur Überraschung selbst Hitlers verfügte Wehrminister von Blomberg am 28. Februar 1934 die sinngemäße Übernahme des Berufsbeamtengesetzes samt seinem Arierparagraphen für die Reichswehr. Die Verachtung der meisten Offiziere gegenüber dem Antisemitismus Streicherscher Prägung [à la Stürmer] blieb davon unberührt.

Die Entstehungsgeschichte der Nürnberger Rassengesetze von 1935 zeigt gleichfalls, daß die weitere Ausschaltung der Juden, soweit sie sich formal in gesetzlichen Bahnen bewegte, von den Spitzen der Bürokratie selbst herbeigeführt wurde, damit, wie einer der Initiatoren, Reichswirtschaftsminister Schacht, in der üblich gewordenen Tarnsprache feststellte, „das Programm der NSDAP durchgeführt werden“ könne, ohne „daß das gesetzlose Treibenlassen“ weiterhin den Ton bestimme.