Der sozialdemokratische Historiker Heinrich August Winkler hat Kummer mit dem Berliner CDU-Senator für Verkehr und Betriebe, Herwig Haase: "Der CDU-Politiker ging in die Knie. Er kapitulierte vor der PDS, die im Ostteil der Stadt überall zur stärksten Partei geworden war." So schrieb Winkler am Wochenende in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Winkler ist das prominenteste Mitglied der vom Senator berufenen Unabhängigen Kommission zur Umbenennung von Straßen und muß jetzt zu seiner großen Enttäuschung feststellen, daß all der Fleiß und der Eifer, den diese Unabhängige Kommission der Umbenennung von Straßennamen gewidmet hat, vom Senator nicht ausreichend gewürdigt wird.

So viele Vorschläge hatte man gemacht – und jetzt das bittere Ergebnis: Nur der Marx-Engels-Platz und die Wilhelm-Pieck-Straße werden in Schloßplatz und Torstraße umbenannt. Der Rest soll bleiben, wie er ist. Wie soll da die Landschaft blühen? Der gewaltige Aufschwung, den die Unabhängige Kommission der Berliner Schilder- und Briefpapierindustrie bereitet hätte, wird so sabotiert. Bitter. Die PDS habe damit, analysiert Winkler, eine Runde in der Auseinandersetzung um die "kulturelle Hegemonie im Ostteil der Bundeshauptstadt" gewonnen. Versäumt wurde, schreibt er, "ein offen ausgetragener Meinungsstreit über Demokratie und Diktatur". Denn die Kommission sei von dem Grundsatz ausgegangen, all die "Namenspatrone und Namensmatronen", so formuliert er, "auszuwechseln", die "aktiv an der Zerstörung der ersten deutschen Demokratie mitgewirkt haben". Diese nahezu pauschale Zurückweisung der Namensänderungen durch den CDU-Senator ist schwer zu ertragen, vor allem aber stört es Winkler, daß – "Triumph" für die PDS, aber auch für "linke Feministinnen" – die Clara-Zetkin-Straße bleibt.

Er plädiert für die Rückkehr – nach 43 Jahren – zur Dorotheenstraße. Die gibt es zwar – immer auch unter den Kommunisten – schon in Köpenick. Aber von dieser großen Dorothea, Kurfürstin von Brandenburg, die garantiert nicht zur Zerstörung der Weimarer Republik beigetragen hat, kann man natürlich gar nicht genug haben.

Und doch: Was spricht gegen Clara Zetkin? Die engagierte Frauenrechtlerin war, bevor sie 1919 Kommunistin wurde, vier Jahrzehnte lang Mitglied der deutschen Sozialdemokratie. Auf ihren Antrag beschloß 1910 die II. (sozialdemokratische) Internationale, den Internationalen Frauentag am 8. März einzuführen, sie ging 1917 zur USPD und 1919 zur KPD. Sie wäre natürlich historisch verpflichtet gewesen, ihre Ideale zu verraten und in der Partei zu bleiben, die immer wieder den Kriegskrediten zugestimmt und 1919 vertrauensvoll mit der Obersten Heeresleitung des ehemaligen Kaiserreiches zusammengearbeitet hat. Der Straßennamenerneuerungsaktivist Heinrich August Winkler kennt darum in der Frankfurter Allgemeinen nur die eine Zetkin: "Als überzeugte Leninistin verteidigte sie, seit 1920, kommunistische Reichstagsabgeordnete, von 1919 bis 1924 und von 1927 bis 1929 Mitglied des Zentralkomitees der KPD, die Parteidiktatur der Bolschewiki." Der Historiker Heinrich August Winkler dagegen, er weiß dies: "Die Komintern und die Kommunistische Partei Rußlands taten das Ihre, um die ‚rechte‘ Führung unter Brandler und Thalheimer auszubooten... die ,rechte‘ Clara Zetkin wurde erst gar nicht in die Parteiführung gewählt." Das schrieb der Historiker gerade erst in seiner Geschichte der ersten deutschen Demokratie "Weimar 1918-1933" auf Seite 253 f. (Verlag C.H. Beck, München 1993).

Aber da ist noch etwas, womit Clara Zetkin gegen den Komment verstoßen hat: "Die Rede, die sie am 30. August 1932 als Alterspräsidentin des deutschen Reichstags hielt, schloß sie mit den Worten, sie hoffe noch ‚das Glück zu erleben, als Alterspräsidentin den ersten Rätekongreß Sowjetdeutschlands zu eröffnen‘." Soweit der Straßenkämpfer Winkler. Beim Historiker Winkler, der auf Seite 521 zunächst fast wörtlich dasselbe schreibt, wird dann aber ein Zusammenhang hergestellt, der dem enragierten Schilder-Matador inzwischen verlorenging: "Dann wählte eine starke Mehrheit den Nationalsozialisten Hermann Göring zum Präsidenten. Für Göring stimmte auch das Zentrum, das sich dabei auf den parlamentarischen Brauch berief, wonach die stärkste Fraktion den Präsidenten stellte. Bei der Wahl des ersten Vizepräsidenten unterlag der Sozialdemokrat Paul Löbe, obwohl auch das Zentrum ihn unterstützte, gegen den Zentrumsabgeordneten Thomas Esser, der von den Nationalsozialisten vorgeschlagen worden war. Am Ende der Abstimmung gab es ein ‚marxistenreines‘ Präsidium, was Göring zu der Feststellung veranlaßte, daß der Reichstag über eine ‚große arbeitsfähige nationale Mehrheit verfügt...‘."

Das sieht ja wohl so aus, als sei die erste deutsche Demokratie nicht nur von rechts und von links, wie Winkler in der FAZ verkündet, sondern auch aus ihrem Zentrum heraus zerstört worden, eben jenem Zentrum, das ein halbes Jahr später Hitlers Ermächtigungsgesetz zustimmte und das schon 1932 an eine Koalitionsregierung mit Hitler dachte. Gegenüber einem solchen Parlament ein Rätesystem erwogen zu haben kann zwar eine Illusion gewesen sein, war es aber undemokratisch? Stalin übrigens war sich mit dem Straßenkämpfer Winkler einig – er schaffte das Rätesystem ab.

Kommissionsmitglied Winkler hat noch einen gewichtigen topographischen Einwand: "Die Clara-Zetkin-Straße führt auf den Reichstag, den künftigen Sitz des Deutschen Bundestages, zu. Daß ausgerechnet diese Straße den Namen einer entschiedenen Gegnerin der parlamentarischen Demokratie und Vorkämpferin einer totalitären Diktatur trägt, erschien der Kommission nicht angemessen." Gut so, Kommissär. Gegen diesen Einwand hilft auch der Historiker Winkler nicht weiter – er ist nur Spezialist für Weimar. Für die vorhergehende Zeit könnte allerdings ein Spezialist nach Winkler-Art fragen, warum der Bundestag ausgerechnet in einem Gebäude tagt, dessen Grundstein am 9. Juni 1884 mit großem Gepränge von einem entschiedenen Feind der parlamentarischen Demokratie gelegt wurde: Wilhelm I., der 1848 als Kartätschenprinz berühmt wurde und 1849 in Baden und in die Pfalz an der Spitze seiner Truppen einmarschierte, um die demokratische Revolution blutig niederzuschlagen.

Da wird wohl Heinrich August Winkler im Sinne der political correctness eine Kommission zur Abtragung des Reichstages bilden müssen, damit aus dessen Fundament der Grundstein entfernt werden kann. Otto Köhler