Von Manfred Sack

Erinnern wir uns: Als Berlin seine zweite Nachkriegs-Iba veranstaltete, die Internationale Bauausstellung der achtziger Jahre, sprach alle Welt davon, reiste alle Welt an die Spree, um zu bewundern oder zu bekritteln, was Architekten von nebenan und sonstwo her entworfen und errichtet hatten. Was man nicht dabei vergessen sollte: Die Devise war, die Stadt im Inneren wieder bewohnbar zu machen.

Als der Frankfurter Oberbürgermeister Wallmann einem glücklichen Zufall folgend zu ahnen begann, daß sich mit hervorragender Architektur eine mitreißende Kommunalpolitik machen ließe, mehr, daß sich mit ihr sogar die Liebe der Bürger zu ihrer Stadt neuerlich entfachen ließe, entstanden die Römerbergsbauten und vor allem das Museumsufer. Alle Welt erfuhr, daß Bankfurt wieder Frankfurt geworden sei, und reiste an den Main.

Nun also hat Hamburg seinen Ruf mit lauter neuen Gebäuden so reich, so dicht, so gewinnverbissen gepflastert, daß sich selbst Frankfurter und Berliner zu bemerkenswerten Huldigungen veranlaßt fühlen: Schöne Stadt! Wer sie nach zwei Dutzend Jahren wiedersieht, findet wahrlich Anlaß zum Staunen. Er läßt den Blick, natürlich, zuerst auf die mitten darin zum See gestaute Alster schweifen, über die stattlichen Fassaden, die sich ringsum in die Brust zu werfen verstehen, über die Kanäle, die hier Fleete heißen, und das viele, viele Grün. Bald wird er hören, wovon der höchste Baubeamte Hamburgs, der Oberbaudirektor Egbert Kossak, so gern spricht, nämlich daß Hamburg die am spärlichsten besiedelte, insofern nachdrücklich zu verdichtende Stadt der ganzen Welt sei, daß endlich mit der hemmungslosen Zersiedlung seiner kostbaren Umgebung ein Ende sein müsse. Hamburg, die "grüne Metropole", die "amphibische Stadt", mehr als siebenmal dünner besiedelt als Barcelona...

Erinnern wir uns an Hamburg, wie es noch vor zwei Dutzend Jahren war: eine redlich und mit Vorsatz locker wieder aufgebaute Stadt, der man kaum noch ansah, daß sie zu fast drei Vierteln von Bomben zerstört war, die City verödet, eine langweilige, gelangweilt wirkende schöne Stadt, die mit Ladenschluß das Licht ausknipste und sich in den Schoß der Familie verkroch. Alter Spottspruch: "Oh, heute einen schwarzen Matrosen am Jungfernstieg gesehen, wir sind doch eine Weltstadt!" Eingefleischte Städter, die das Städtische reklamierten, wurden als Urbantäter verspottet.

Doch dann, gegen Ende der siebziger Jahre, ließen plötzlich und fast gleichzeitig arabische Ölscheichs, britische Pensionsfonds und andere Geldanleger eine hundert Jahre lang verschüttet gewesene Renditequelle in der von manchen Leuten gern in ewigem Regen und Nebel vermuteten Hafenstadt anbohren und hatten Glück. Sie stießen auf einen vergessenen Immobilientypus und investierten darin ihr Geld: die Passage. So kam Hamburg in wenigen Jahren zu einem halben Dutzend Passagen, so wurde aus der linearen Bandstadt zwischen Haupt- und Dammtorbahnhof wieder eine zirkulierende City. Auf einmal belebte sie sich wieder und bewies eine nie recht geglaubte Behauptung: daß eine städtebaulich und architektonisch qualitätsbewußte Stadt eine Attraktion sein und Menschen zusammenbringen könne. Die Städter fanden wieder Gefallen am Großstadttreiben.

Wenige Jahre später korrigierte Hamburg schließlich ein monströses Verkehrskonzept, das die zwar funktionierende, die Stadt aber ausgerechnet in ihrem ältesten Teil zerreißende Ost-West-Straße mit einer Nord-Süd-Straße westlich der Innenstadt komplettieren sollte – Fortsetzung für einen neuen citynahen Elbtunnel für den Durchgangsverkehr. Der Tunnel unterblieb; wo sich ein platzverschwenderisches Kreuzungsbauwerk ausbreiten wollte, wurde das Verlagshaus Gruner + Jahr errichtet. Die zwei parallel verlaufenden Kanäle – Alster- und Herrengrabenfleet – wurden nicht für eine sechsspurige Autobahn zugeschüttet, sondern zum Stadterneuerungsgebiet erklärt: der Fleetachse, einem verlockenden Verbindungsstück zwischen Alster und Elbe, zwischen City und Hafen.