AMBURG. – setzt die VON Krisen geschüttelte Türkei nun eines ihrer zentralen staatlichen Prinzipien, den Säkularismus, aufs Spiel?

Der auf beiden Seiten mit unerbittlichen Härte geführte Kurdenkrieg hat sich mittlerweile zum Prüfstein für die eigene territoriale Integrität, ja den Bestand des „Nationalstaates Türkei“ entwickelt. Daß daraus eine regelrechte Phobie vor jeglichem Separatismus, vor dem Auseinanderbrechen des nationalen Konsenses in den verschiedensten Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Lebens, zu werden beginnt, zeigt sich an der offiziellen Reaktion auf das Blutbad von Sivas.

Am 2. Juli 1993 hatte ein islamistischer Mob in der mittelanatolischen Stadt eine dem alevitischen Dichter Pir Sultan Abdal gewidmete Gedenkveranstaltung verhindern wollen, da mit dem Namen dieses Mystikers seit Jahrhunderten die Opposition gegen den traditionalistischen sunnitischen Mehrheitsislam in der Türkei verbunden ist.

Die immer wieder im Lande aufflackernden Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Aleviten (die letzteren stellen immerhin eine Minderheit von 20 bis 25 Prozent) waren meist Ausdruck von Konflikten zwischen Gegnern und Befürwortern eines strikten Säkularismus in der Republik. In diesem Herzstück der Staatsdoktrin Kemal Atatürks sahen die Aleviten von jeher die wichtigste Garantie für ihr Überleben in der Türkei.

In Sivas verbrannten vor einem Jahr 37 Menschen in einem Hotel, das von islamistischen Fanatikern acht Stunden lang belagert und schließlich angezündet worden war. Aber die offizielle türkische Politik zieht es immer noch vor, die Wahrheit zu verschweigen. Der Bericht eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses leugnet rundheraus, daß es sich um eine konfessionelle Auseinandersetzung gehandelt hat. Kein Wort davon, daß die Fanatiker eine Büste des Republikgründers Atatürk mit dem Ruf

„Wir wollen keine Götzen“ in Stücke schlugen und Parolen brüllter wie „Tod dem Laizismus“ und „Die Soldaten des Propheten bringen den Tod der Republik!“ Der populäre Schriftsteller und Publizist Aziz Nesin, Ehrengast bei der Alevitenveranstaltung, wurde beschuldigt, Provokateur zu sein. Er hatte kurz zuvor die Übersetzung der „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie ins Türkische propagiert. Die bloße Anwesenheit des Atheisten Nesin habe die fromme Bevölkerung von Sivas bis aufs Blut geieizt und zu dem Gewaltausbruch geführt. Und Staatspräsident Demirel: warnte davor, „Volk und Regierung gegeneinander auszuspielen“.

Hysterisch beschwört die offizielle Politik die „Einheit von Volk und Staat“. Aber dieser Zusammenhalt ist nicht nur durch den Kurdenkonflikt gefährdet. Er könnte auch zerbrechen, wenn die Türkei dem islamistischen Vordringen nicht Einhalt gebietet. Die Einheit um jeden Preis bewahren zu wollen läuft am Ende darauf hinaus, sie zu zerstören.

  • Petra Kappert lehrt Orientalistik am Seminar für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients an der Universität Hamburg.