Von Raimund Hoghe

Die Welt des Künstlers schien ihm am Ende seines Lebens grenzenlos. „Man findet sie überall, weit weg von zu Hause oder ein paar Schritte entfernt. Sie ist immer vor seiner Tür.“ Und überall, ob im Südwesten Amerikas, in Mexiko oder einem italienischen Dorf, in Ghana oder Ägypten, in Marokko oder auf den Hebriden, habe er „nach Spuren von alter Teilhabe und Gemeinschaft gesucht, denn das ist es, worin die Besonderheit eines Ortes liegt und was die Menschen prägt, die dort heimisch sind. Man kann also sehen, daß das, was ich mein ganzes Leben lang erforscht habe, die Welt vor meiner Tür ist“, stellte der 1890 in New York geborene Photograph kurz vor seinem Tod fest. Und als Paul Strand, der immer unterwegs war, nicht mehr reisen konnte, forschte und photographierte er folgerichtig in seiner unmittelbaren Umgebung: direkt vor seiner Tür, im Garten seines Hauses.

„Die Welt vor meiner Tür“ ist jetzt auch der Titel einer vom Paul-Strand-Archiv der Aperture Foundation in New York zusammengestellten Wanderausstellung, die in den nächsten drei Jahren in verschiedenen europäischen Ländern zu sehen sein wird (Lillehammer 12.11.1994 – 8.1.1995; Edinburgh Sommer 1995; Brüssel Herbst 1995) und einen umfassenden Überblick über das Spätwerk des Photographen gibt. Die im Essener Museum Folkwang eröffnete und jetzt bis zum 7. August im Münchner Stadtmuseum präsentierte Ausstellung zeigt rund 150 Photos aus den Jahren 1950 bis 1976, darunter bislang unveröffentlichte Arbeiten und eine Fülle brillanter Originalabzüge, die sich auch durch ihr Format von gegenwärtigen Trends abheben: Strands Abzüge sind oft nur wenig größer als eine Postkarte und verlangen vom Betrachter, genau hinzusehen auf die Welt, die in ihnen sichtbar wird.

Paul Strand galt schon früh als Meister der photographischen Moderne. Bereits über den 27jährigen schrieb der Galerist und Photograph Alfred Stieglitz: „Paul Strand hat etwas Neues dem Alten hinzugefügt. Seine Aufnahmen sind brutal, direkt, frei von jeglichem Humbug, frei von Kunstgriffen und unbeeinflußt von jedem Ismus. Sie versuchen nicht, die unwissende Öffentlichkeit zu mystifizieren, einschließlich der Photographen selbst. Diese Photographien sind Ausdruck des Heute.“

Die Direktheit von Strands Arbeiten, die unverfälschte Wiedergabe der Wirklichkeit, stieß jedoch auch auf Widerstand. In der Ära des Kommunisten- und Intellektuellenjägers McCarthy verließ Paul Strand Amerika, wo er für sich keine Lebens- und Arbeitsperspektive mehr sah. 1950 ging der Sechzigjährige nach Europa und ließ sich mit seiner dritten Frau, der Photographin Hazel Kingsbury, in dem bei Paris gelegenen Dorf Orgeval nieder, wo er 1976, 86 Jahre alt, starb.

Die Photos von Paul Strand ermöglichen Begegnungen. Mit Landschaften und Architektur, Dingen und Menschen. Das Portrait einer Person zu schaffen, hielt Strand für eine der schwierigsten Aufgaben. Denn die Photographie müsse die Präsenz eines Menschen anderen so vermitteln, daß es gar nicht mehr erforderlich sei, ihn persönlich zu kennen. „Allein die Konfrontation mit dem Bild reicht aus, daß dieser Mensch von denen, die ihn gesehen haben, nie mehr vergessen wird. Das ist ein Portrait.“

Einige solcher Portraits zählen zu den besonderen Kostbarkeiten des Spätwerks: zum Beispiel das Bild eines jungen Bauern in Frankreich oder die in Italien entstandenen Portraits einer Postmeisterin mit ihrer Tochter, eines Schneiderlehrlings und einer im Türrahmen stehenden Mutter mit ihren fünf erwachsenen Söhnen. Gemeinsam ist den von Strand Portraitierten nicht zuletzt eine bestimmte Haltung, die auf Möglichkeiten verweist. „Ich photographiere gern Leute, deren Gesichter Kraft und Würde ausstrahlen“, sagte Paul Strand. „Was immer das Leben mit ihnen gemacht hat, es hat sie nie zerstört.“