Von Jörg Blech

Wenn die Chemie stimmt, geraten die Männchen ins Schwärmen. Im Zickzackflug folgen Apfelwickler, Kohleulen und Frostspanner zwanghaft weiblichen Duftmolekülen, sobald sie diese mit ihren federartigen Fühlern wahrnehmen. Die Nachtfalter sind auf Brautflug. Artspezifische Lockstoffe, sogenannte Pheromone, weisen ihnen den Weg zu den Weibchen, die paarungsbereit im Dunkeln warten. Einige milliardstel Gramm der verführenden Sexualpheromone aus weiblichen Hinterleibsdrüsen reichen, um selbst aus großer Entfernung Männchen herbeizulotsen.

Doch nicht nur bei Schmetterlingen, auch im Ameisenstaat und beim Bienenvolk ist das Miteinander streng durch Duftstoffe reglementiert; ohne chemische Kommandos bräche das Chaos aus. Selbst bei Fischen, Schnecken, Seeanemonen, Schlangen und gar bei Säugern finden Forscher immer mehr Hinweise auf Pheromone. Verblüfft erkennen die Menschen, die zwar Augen und Ohren, aber seltener die Nase offenhalten, daß bei Tieren eine chemische Sprache aus Düften und Gerüchen weit verbreitet zu sein scheint. Pheromone locken Sexualpartner, warnen Artgenossen oder rufen sie zu einer Versammlung. Im Unterschied zu Hormonen übermitteln sie ihre Botschaften nicht innerhalb des Körpers, sondern wirken zwischen zwei oder mehreren Individuen einer Art.

Am meisten ist über die Sexualpheromone der Schmetterlinge bekannt; mehr als 1200 Fachartikel wurden bisher darüber veröffentlicht. Das Bombykol des weiblichen Seidenspinners war Ende der fünfziger Jahre der erste Sexuallockstoff, dessen Struktur aufgeklärt wurde. Der heute 91jährige Chemie-Nobelpreisträger Adolf Butenandt hatte 17 Jahre lang danach gesucht und rund 750 000 Seidenspinner für die Wissenschaft geopfert, ehe er endlich die Formel des Bombykols entdeckt hatte. Heute sind mehrere hundert unterschiedliche Verbindungen bekannt, die als Signalstoffe dienen. "Die Duftmoleküle, meistens sind es Alkohole, Acetate oder Aldehyde, werden in der Regel von den Schmetterlingsweibchen selber hergestellt und nicht mit der Nahrung aufgenommen", sagt Hans Jürgen Bestmann von der Universität Erlangen-Nürnberg. Der Chemieprofessor hat die Pheromone von rund fünfzig Nachtfalter- und einigen Ameisenarten entdeckt und erhält dafür in diesem Jahr den Forschungspreis der Stiftung Philip Morris. Wenn die Duftmoleküle auf eines der vielen tausend Riechhärchen an den Antennen treffen, lösen sie einen elektrischen Reiz aus, der den Faltermännchen befiehlt: Gegen den Wind zum Weibchen fliegen! Wie dieses Signal vom Gehirn verarbeitet wird, ist jedoch noch nicht bekannt.

Da die Befehlsgewalt eines bestimmten Sexualpheromons jeweils nur in einer Schmetterlingsart gilt, eröffnen die lockenden Stoffe eine umweltfreundliche Möglichkeit, schädliche Falterarten zu bekämpfen. Beispielsweise könnten Schwammspinner und Eichenwickler, deren gefräßige Raupen derzeit ganze Wälder zu entlauben drohen, in artspezifischen Pheromonfallen gefangen werden. Anders als beim Einsatz; mit dem Häutungshemmer Dimilin und anderen Pestiziden würden nützliche Insekten wie Schlupfwespen, Ameisen und Käfer nicht getötet.

Allerdings sei es "schwierig, solche Fallen auf den Markt zu bringen, da die Erfolgsquote noch nicht so hoch ist wie bei Pestiziden", bedauert Joachim Reddemann von der Universität München. Der Forstwirt beschäftigt sich mit Lockstoffen der Borkenkäfer, die jetzt wieder fliegen. Die nimmersatten Holzfresser einigen sich in der chemischen Sprache darauf, welche Fichte sie als nächste heimsuchen werden. Zunächst knabbert ein Tier an einem geeigneten Beutebaum. Dabei atmet es sogenannte Terpene, die aus dem Holz dampfen, ein und verwandelt diese im Darm zu einem Pheromon, das mit dem Bohrmehl ausgeschieden wird. Dieses Bukett, ein Aggregationspheromon, lockt Massen anderer Borkenkäfer zu dem Freß- und Siedlungsplatz. Bestückt man nun Fallen mit diesem Lockstoff, können die Borkenkäfer gefangen werden. Doch Joachim Reddemann hält dies für problematisch: "Das Duftstoffbukett konzentriert gerade dort die schwärmenden Käfer, wo man sie am wenigsten haben will, nämlich in der Nähe gefährdeter Wirtsbaumbestände." Deshalb plädiert der Forstwirt dafür, die Käfer nicht zu locken, sondern zu vertreiben – denn auch dafür gibt es bei den Borkenkäfern ein chemisches Signal. Droht auf einer dichtbesiedelten Fichte das Futter knapp zu werden, stoßen die Baumbesetzer ein Ablenkpheromon aus, das Nachzüglern signalisiert, gefälligst fernzubleiben und sich woanders am Holz schadlos zu halten. Reddemann glaubt, mit solchen Ablenkstoffen könnten gefährdete Wälder vorm Käferfraß geschützt werden. Allerdings würden die Schädlinge womöglich nur von einem Forst zum nächsten geschoben werden, ohne die Tiere zu bekämpfen.

Nicht nur der Mensch versucht ahnungslose Tiere mit deren eigenen Duftstoffen zu vertreiben oder zu fangen. Die Weibchen der räuberischen Bolaspinnen beispielsweise sondern einen Stoff ab, der dem Sexualpheromon des Eulenfalters täuschend ähnlich riecht. Für die Jagd basteln die Spinnen sich aus ihren Fäden eine klebrige Kugel, die sie von einem Ast aus wie ein Lasso durch die Luft schwingen. Dann lotsen sie mit ihrem Lockstoffimitat die Eulenfalter in den Schwenkbereich des todbringenden Pendels.