Im Südpazifik leben Hühner, die wissen, was eine Dienstleistung ist. Malau heißt dieser geschickte Vogel, der sich mit schutz- und futterlosem Herumsitzen auf Eiern gar nicht erst aufhält, sondern das Brüten an Vulkane delegiert. Vulkane halten ja schön warm. Noch etwa 200 Malau-Paare lassen den Niuafoóu im Südseeinselreich Tonga für sich brüten. Die letzten ihrer Art, sind sie damit ein ideales Objekt für den internationalen Vogelschutz und seine Rettungsaktionen.

Doch die wachtelgroßen Hühnervögel sind überfordert. Das Malau ist heute mehr denn je gefährdet, weil seine Retter in Streit gerieten, sich gegenseitig aus dem Land warfen und der Rettungsversuch unvollendet blieb.

Niuafoóu liegt selbst für tongaische Verhältnisse weit draußen im toten Winkel zwischen Äquator und Datumsgrenze. Als Vulkan ist er eine klassische Schönheit mit Kegelrumpf, kreisrundem Rand und Kratersee. Aus diesem See ragen drei Inselchen, und diese Inseln auf der Insel beherbergen die letzten Malaus. In ihren Boden scharren die Hennen etwa alle zwölf Tage mit großen Füßen einen bis zu zwei Meter tiefen Gang, um ein Ei auf den Grund zu legen, bei gemütlichen 34 Grad Umgebungstemperatur, die mit dem Schnabel kurz überprüft wird. Das wär’s. Malauische Mutterinstinkte verlangen keinerlei Glucken um die Küken herum.

Dieses ungerührte Verhalten teilen Malau-Hennen mit allen Geschlechtsgenossinnen der Gattung Megapodius, die im pazifischen Raum vielerorts heimisch ist. Melanesische Megapoden graben die Brut an heißen Sandstränden ein, die australische Variante legt eigene Komposthaufen als Eiermützen an. Mit seiner Neigung für brutwarme Vulkanasche steht das gelbfüßige Malau-Huhn jedoch allein da. In Polynesien sind die tongaischen Malaus die letzten ihrer Gattung. Viele Megapodenarten sind ausgestorben, denn ihre Eier lassen sich leicht stehlen. Hühner und Eierfresser geraten auf Niuafoóu in einen Interessenkonflikt. Zum Überleben müßten die Hühner auf einen Nachbarvulkan umziehen, der geologisch der Heimatinsel verwandt und von denselben Insektenarten besiedelt ist. Der ist vor Eierdieben wie Menschen, Katzen, Ratten sicher.

Bisher waren sich die Retter vollkommen einig. Eberhard Curio, Verhaltensforscher von der Universität Bochum, und Dieter Rinke, Leiter des Tongaischen Vogelparks, einem Projekt der deutschen Brehm-Stiftung, schlossen sich zu einer Art ornithologischem Umzugsunternehmen zusammen. Zehn Jahre Zeit und etwa hunderttausend Mark Kosten hielt man für angemessen. Professor Curio warb Sponsorengeld, entwickelte die wissenschaftliche Dramaturgie für die Aktion „Neue Hühnerheimat“ und rüstete eine Expedition aus. Zwei Studenten sollten die Feldforschungen betreiben. Rinke brachte Anregungen, seine guten Kontakte zu tongaischen Ministern ein und besorgte die Arbeitserlaubnis für den Bochumer und die Studenten.

Gleichsam als Nebeneffekt der Rettung hofften die Vogelkundler auf übergeordnete Erkenntnisse. Das Malau könnte zum Modell für andere seltene Arten werden. Denn das Paarungsverhalten von Kleinstgemeinschaften wie die des Malau sind noch unerforscht.-Daß man ihm mit einer Umsiedlung wirklich hilft, ist zwar wahrscheinlich, aber ob Schäden auf der Reservatsinsel angerichtet werden könnten, bleibt vorläufig Gegenstand von Mutmaßungen.