Von Thanos Lipowatz

ATHEN. – In den letzten Monaten häuften sich in der deutschen und in der griechischen Presse schrille Töne: Während einige deutsche Journalisten pauschal fragten, ob Griechenland zu Europa gehöre, hat man sich in Athen immer wieder über den angeblichen „Antihellenismus“ der Europäer beklagt. Anlaß für die Mediengefechte war in erster Linie das schwierige Verhältnis Griechenlands zu der slawischen Republik Makedonien. In der griechischen Diskussion darüber wurde ich wie auch andere griechische Professoren und Journalisten von vielen Rechten und von Populisten der linken Pasok als „Verräter der Nation“ beschimpft. Wir hatten gewagt, uns öffentlich für eine Kompromißlösung einzusetzen. Die nationalistische Hysterie in der Makedonienfrage ist zwar harmloser als vergleichbare Erscheinungen in anderen europäischen Ländern (die Griechen sind inkonsequent, auch im Nationalismus). Aber dieses Verhalten verrät eine tiefe Unsicherheit gegenüber der eigenen Identität.

In den letzten Jahren kam viel Verdrängtes aus einer an Traumata reichen Vergangenheit hoch, die Erinnerung an den Krieg. Die Hysterie wurde gefördert, weil kritische Vernunft und Aufklärung in der heutigen griechischen politischen Kultur schwach vertreten sind. Dagegen gewinnt der christlich-orthodoxe Konservatismus an Einfluß. Viele Griechen beschönigen ihr Selbstbild, während die Geschichte, verhüllt in unkritischen Mythen, unbewältigt bleibt. So werden etwa die heutigen Deutschen durchweg negativ gesehen, auf Grund der sehr realen negativen Erfahrung während der Besatzungszeit unter den Nazis. Heißt es aber: Einmal Feinde, immer Feinde? Trotz aller inzwischen eingetretenen positiven Veränderungen?

Viele Griechen gefallen sich in der romantischen Pose, immer Opfer der anderen zu sein. Sie sehen sich dabei in der Tradition der idealisierten Antike.

Woher kommt dieses Bild? Zum großen Teil ist es ein Exportprodukt der deutschen Romantik aus den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Deutsche verklärten damals Griechenland zur Geburtsstätte von Kultur und Bildung – eine Sichtweise, die bis heute wirkt. Hieraus erklärt sich die gewisse „Enttäuschung“ deutscher Medien über Griechenland, Das Griechenland der Gegenwart wurde eigentlich nie richtig wahrgenommen, es sei denn als liebenswürdiger, volkstümlicher Rahmen für die erhabene Antike,

Vor zwei Monaten fand im Goethe-Institut Athen ein Podiumsgespräch zwischen griechischen und deutschen Journalisten statt: Thema war das jeweilige Bild des anderen im Spiegel der Medien, Die Journalisten waren am Schluß darüber einig, daß es auf beiden Seiten gar nicht um Objektivität, sondern um das von den Herausgebern politisch erwünschte Bild geht. Dies läßt sich an der griechischen Berichterstattung genauso zeigen wie an der deutschen,

Viele Zeitungen in Deutschland behandelten Griechenland mit einer Besserwisserei, die einen versteckten Rassismus gegenüber einem kleinen Land verrät. Aus der Enttäuschung des romantischen Griechenlandbildes heraus weigerte man sich, die reale Situation und die neuere Geschichte des Landes zu verstehen. Nicht nur deutsche Journalisten, auch Diplomaten, Wissenschaftler und Geschäftsleute schadeten mit ihrem überheblichen Auftreten dem Ansehen ihres Landes in der griechischen Öffentlichkeit. Es reicht nicht aus, sich über griechischen Nationalismus zu beschweren und pauschale Urteile darüber abzugeben. Denn es kommt hüben wie drüben auf Solidarität und Zusammenarbeit der Demokraten gegen Nationalismus und Rassismus an und nicht auf die Befriedigung des eigenen „Überlegenheitsgefühls“.

  • Thanos Lipowatz ist Professor für politische Psychologie an der Universität für Sozialwissenschaften in Athen.