Von Marion Gräfin Dönhoff

Was eigentlich hat Richard von Weizsäcker die einmalige Achtung verschafft, die er allenthalben genießt? Wie kommt es, daß das ganze Land den Abschied vom amtierenden Bundespräsidenten bedauert und betrauert: Ost und West, Jung und Alt, Rechts und Links – Links vielleicht noch mehr als Rechts, obgleich er doch seit 1954 Mitglied der CDU ist.

Offenbar entspricht er genau der Wunschvorstellung, die die Bürger sich von ihrem Staatsoberhaupt machen. Wenn man einen idealen Bundespräsidenten synthetisch herstellen könnte, dann würde dabei kein anderer als Richard von Weizsäcker herauskommen.

Er ist von hoher Intelligenz und Lauterkeit, souverän in seiner geistigen und politischen Einstellung, auch in Stil und Geste. Er ist seiner selbst sicher, dabei aber ohne jede Arroganz, stets vorsichtig tastend darauf bedacht herauszufinden, worum es dem anderen – Freund oder Feind – geht und welche Lösung des Problems die beste ist. Er ist ungemein schnell in der Auffassung und im Erkennen eines Problems, aber sehr nachdenklich und besonnen, wenn es sich darum handelt, ein Urteil zu fällen, eine Entscheidung zu treffen. Rascher Witz und treffsichere Replik stehen ihm ebenso zur Verfügung wie Phantasie und Liebenswürdigkeit. Aber was ihn wirklich zur Integrationsfigur macht, ist seine Glaubwürdigkeit. Und noch etwas, was damit zusammenhängt: Er besitzt als Redner die seltene Gabe, das, worum es ihm geht, ohne die üblichen Leerformeln und tönenden Phrasen zu formulieren.

Das Geheimnis des Erfolges? Er brauchte keine Sonderinteressen zu vertreten, nur die des gesamten Volkes, nicht die einer Partei, eines Berufsstandes, einer Gruppe. Er mußte nicht an seine Karriere denken, auf populistische Unterstützung sinnen oder PR-Firmen engagieren. „Das Anhören von Sorgen der Menschen ist ein ganz wesentlicher Bestandteil meines Amtes“, sagte Richard von Weizsäcker einmal.

Das Staatsoberhaupt sollte die spezifischen Probleme durchleuchten, die die Bürger bedrücken, und sie auf kommende vorbereiten. Der Präsident muß Orientierungshilfe geben in einer Zeit der Ratlosigkeit, muß Schneisen schlagen in das Dickicht unserer Tage. Genau dies hat Richard von Weizsäcker während der letzten zehn Jahre getan. Sein Menschenbild und seine Weltvorstellung wurzeln in einer tieferen Dimension, als dies normalerweise bei Politikern der Fall ist, und wahrscheinlich wurde er gerade darum von allen akzeptiert.

Weizsäcker hat den Kontakt zu den Bürgern nie verloren, schon aus Neugier nicht: Noch immer interessiert ihn, was ein Arbeiter, ein Teenager, ein Student denkt. Mit Vergnügen nimmt er jede Gelegenheit wahr, die Gedanken und Empfindungen auch abseits stehender Menschen zu ergründen. Überdies ist er als Mensch mit religiösen Bindungen nicht der Versuchung ausgesetzt, der so viele Mächtige verfallen, die auf keine Signale mehr achten, sondern allein ihre Erkenntnisse für wesentlich und ihren Willen für entscheidend halten. Von solcher arrogance of power ist der, der eine höhere Macht über sich weiß, weit entfernt.