Hier kann ich der Versuchung nicht widerstehen, zwei Geschichten noch einmal zu erzählen, über die ich schon früher berichtet habe. Die erste hat mir einer der sechs jungen Offiziere – alle um fünfundzwanzig – erzählt, um die es sich dabei handelt.

Ort des Geschehens: eine primitive Datscha vor Leningrad, in der sich der Stab des Regiments befindet, zu dem Weizsäcker gehört. Der Chef des Regiments ist unterwegs. Sechs junge Offiziere sitzen zusammen in dem Raum, der als Geschäftszimmer dient; an der Wand hängt ein Hitler-Bild. Sie unterhalten sich, diskutieren heftig. Plötzlich zieht einer von ihnen seine Pistole und schießt auf das Führer-Bild. Glas splittert – das Bild ist zerstört.

Totenstille – tiefes Erschrecken: Das Todesurteil ist sicher. Da hört man die Stimme des Regimentsadjutanten von Weizsäcker: „Ehe wir darüber nachdenken, was man jetzt tun kann, schießen wir erst mal alle drauf, damit es nicht nur einer gewesen ist.“ Sprach’s, zog seine Pistole und feuerte den ersten Schuß – die anderen folgten.

Die zweite berichtet Hermann Priebe, früher Professor für Agrarwesen in Frankfurt. Er diente, gleich Richard von Weizsäcker, beim Potsdamer IR 9. Nach dem 20. Juli war auch Priebe monatelang im Zuchthaus in Berlin. Schließlich wurde er zur Bewährung an die Front kommandiert. Aber schon bald reute die Gestapo diese Entscheidung; er wurde nach Berlin zurückbeordert. Der Regimentsadjutant Richard von Weizsäcker, der keinen Zweifel hatte, was dies zu bedeuten habe, vernichtete kurz entschlossen den Befehl, ohne dem Betroffenen davon Kenntnis zu geben.

Heute macht Weizsäcker sich Sorgen um die Zukunft unserer demokratischen Bürgergesellschaft. In dem „Buchinterview“ mit Gunter Hofmann und Werner A. Perger hat er die Probleme sehr einleuchtend analysiert.

Er meint, neben die fünf Verfassungsorgane, Bundestag, Bundesrat, Bundespräsident, Bundesregierung und Bundesverfassungsgericht habe sich ein sechstes Zentrum geschoben, das in der Verfassung dafür gar nicht vorgesehen ist: die politischen Parteien. Im Artikel 21 des Grundgesetzes stehe, so sagt er, „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung mit...“, aber im Parteiengesetz selbst sei dieser Grundsatz erweitert worden zu Mitwirkung „auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ..., insbesondere auf die Gestaltung der öffentlichen Meinung“. (Soeben hat sich übrigens herausgestellt, daß das Bundespresseamt auf Kosten der Steuerzahler heimlich Artikel verbreiten läßt, die der SPD abträglich sind).

Tatsächlich reicht der Einfluß der Parteien direkt oder indirekt in die Medien, in Kultur und Sport, bei der Richterwahl bis in die Justiz; in allen Bereichen wird mit Hilfe von PR der Zuspruch vorbereitet, den die betreffende Partei bei der nächsten Wahl zu finden hofft.