Von Norbert Mappes-Niediek

Svilajnac blüht. Angenehm flaniert es sich durch die Fußgängerzone, die ganz im gediegenen Stil einer westdeutschen Kleinstadt gehalten ist: Verbundsteinpflaster, Gründerzeitlaternen, Marmorspringbrunnen. Boutiquen bieten Konfektion jeder Qualität an, und wo der Boulevard zu eng wird, zweigen kleine Passagen mit Parfümerien, Bijouterien und Coiffeuren ab. An der Hauptverkehrsstraße stehen, ordentlich geparkt, Mittelklassewagen sämtlicher europäischer Fabrikate. Ein Stück die Svetog Save hinab entsteht gerade eine hübsche neue Ladenzeile, einstöckig und mit freundlichen Giebelchen auf dem Dach. An zwei mehrstöckigen Geschäftszentren mit schmiedeeisernen Balustraden wird ebenfalls gebaut.

Das Städtchen Svilajnac liegt im tiefsten Serbien, auf halbem Wege zwischen Belgrad und Nil Von der Wand jedes zweiten Geschäfts lächelt ein entspannt zurückgelehnter Präsident Slobodan Milošević. Der Ort ist mit sich, dem Land und der Welt zufrieden.

Keine fünf Monate ist es her, da hatte die Inflation mit 300 Millionen Prozent im Monat den (nach Ungarn 1946) zweithöchsten Stand der Weltgeschichte erreicht, Geld verdienten nur noch die Geldwechsler, und jenseits der Grenzen hoffte man bereits auf einen baldigen Zusammenbruch des aggressiven Regimes. Heute erlebt Rest-Jugoslawien ein veritables Wirtschaftswunder. Fast alle Ingredienzien sind zur Hand: ein großer Zauberer, dem alle vertrauen, eine steinharte Währung und ein sagenhafter Tag X, zu dem ehe wunderbare Warensammlung plötzlich ans Licht trat.

Der serbische Ludwig Erhard, Schöpfer und Dirigent der Wirtschaftsreform, heißt Dragoslav Avramović und unterscheidet sich völlig vom vorherrschenden Typus serbischer Regierungspolitiker. Diese haben meist Karrieren in sozialistischen Unternehmen hinter sich und treten nur scheu und mit floskelhaften Reden vors Volk. Avramović kann Stimmungen nutzen und mit der Öffentlichkeit umgehen; er war ein Vierteljahrhundert bei der Weltbank in Washington, repräsentiert Weitläufigkeit, Unabhängigkeit und Desinteresse an den Machtscharmützeln, die das politische Belgrad beherrschen. Tritt der Apparat ihm in den Weg, droht er einfach, sich in seine Villa am Genfer See zurückzuziehen und dort seine Pension zu verzehren. Das wirkt. Als sich der Mittsiebziger im Mai für ein paar Tage zum Gesundheitscheck in den Vereinigten Staaten aufhielt, beschlossen die Schergen daheim, mit elf Prozent hochverzinste Staatsanleihen auszugeben. Avramović griff zum Telephon und verfügte neun Prozent. So kam es. Seit sich Jugoslawiens Premier Radoje Kontić wegen der Agrarpreise mit dem Meister anlegte, ist auch im Umkreis von Milošević nur noch von „diesem Kontić“ die Rede.

Bereits im vergangenen Herbst arbeitete fast die gesamte ökonomische Intelligenz des Landes im geheimen an einem umfassenden Reformprogramm. Avramović leitete lediglich den Arbeitskreis Währungsreform. Inzwischen ist seine Autorität jedoch so gestiegen, daß er die Entwürfe der anderen Arbeitsgruppen, so sie ihm nicht paßten, einfach vom Tisch fegte. Das bisherige Privatisierungsprogramm zum Beispiel ist nur noch Makulatur: Auf dem serbischen Weg der Transformation werden nach Avramović alle Eigentumsformen zu ungehinderter Konkurrenz zugelassen. Die Gunst von Präsident Milošević und der Bonus der letzten Hoffnung Serbiens machen den Mann fast allmächtig.

Seit dem Tag X, dem 24. Januar, gilt in Jugoslawien der „Super-Dinar“; er ist zum Kurs von eins zu eins an die D-Mark gebunden, als Deckung sind ausschließlich die Devisenreserven, der Goldschatz und die Warenlager zugelassen. Bis zum 24. Juli ist Avramović, der inzwischen den Posten eines Gouverneurs der Nationalbank bekleidet, noch bereit, das Defizit im Republik- und Bundesetat mit frischgedruckten Scheinen zu decken. Danach muß die Regierung sich ihr Geld von den Bürgern holen: mit Anleihen auf dem Kapitalmarkt. Noch vor wenigen Monaten hätten die Serben ihrem Gouverneur nicht einmal einen Gebrauchtwagen abgekauft. Avramović dagegen könnte sogar Wertpapiere loswerden. Das Vertrauen in den Dinar und seinen Staat ist schon so groß, daß die Devisen, die noch immer unvermindert von außen ins Land strömen, samt und sonders in die Landeswährung getauscht werden. Im ersten Vierteljahr nach dem Tag X stiegen die Devisenreserven des Staates um 300 Millionen Mark auf das Doppelte.