Von Constanze Stelzenmüller

Kann die Welt nun erleichtert aufatmen, da Frankreich sich bereit erklärt hat, zur Rettung der gequälten Menschen Ruandas in die Bresche zu springen? Fünfhunderttausend Tote, ebenso viele Flüchtlinge und anderthalb Millionen Vertriebene im Landesinneren sind die fürchterliche Bilanz dieses Bürgerkrieges. Die Öffentlichkeit sieht seit zehn Wochen mit ohnmächtigem Entsetzen zu – und das Morden nimmt kein Ende. Weder die Vereinten Nationen noch die Organisation afrikanischer Staaten sahen sich imstande, ein multinationales Interventionskontingent aufzustellen – trotz einmütiger Verurteilung der Massaker. Wo alle zauderten, haben nun die Franzosen die Initiative ergriffen.

Doch darf man den Brandstifter mit den Löscharbeiten beauftragen, weil der Feuerwehrhauptmann beim Sirenenton sich Mannschaft und Wagen erst zusammenbetteln muß und auch die Nachbarn nur händeringend in den Vorgärten stehen? Kann ausgerechnet Frankreich in Ruanda Frieden stiften, das seit dreißig Jahren im frankophonen Schwarzafrika repressive Regime stützt und stürzt, als habe die Dekolonisierung nie stattgefunden; das zwei Jahrzehnte lang dem korrupten ruandischen Diktator Habyarimana mit Hilfe von staatlich garantierten Waffenkrediten den Rücken gestärkt hat, ihm zuletzt gar über drei Jahre hinweg militärischen Beistand gegen die immer wieder von Uganda aus angreifende Rebellenarmee RPF leistete?

Immerhin sind die Franzosen sich ihres angeschlagenen Rufs auf dem Schwarzen Kontinent wohl bewußt. In Paris heißt es beschwichtigend, die "Operation Türkis" werde höchstens bis Mitte August – dann soll der Löschtrupp der Uno reisefertig sein – Flüchtlinge retten und Hilfskonvois schützen; keinesfalls aber werde die französische Streitmacht in den Konflikt zwischen Regierungstruppen und RPF eingreifen. Auch die 1300 Fallschirmjäger und Fremdenlegionäre, die am Wochenende in Zaire gelandet sind, tasten sich in das noch von den bedrängten Regierungstruppen beherrschte Westruanda vor, als bewegten sie sich auf einem Diplomatenempfang. Kontakte zur Rumpfregierung werden vermieden, die fahnen- und machetenschwingenden Milizen am Straßenrand ignoriert. Ein Flüchtlingscamp ist bereits von den französischen Truppen abgesichert worden. Inzwischen zeichnet sich auch tatkräftige Unterstützung aus anderen Staaten ab.

Dennoch: Spätestens seit dem Einsatz in Somalia ist klar, daß Bürgerkriegsinfernos auf dem Wege der "humanitären Intervention" kaum zu löschen sind, und schon gar nicht, wenn die Neutralität der Eingreiftruppe gegenüber den Konfliktparteien in Frage steht.

Genau das bleibt aber Frankreichs Problem. Auch das halbe Bataillon aus dem Senegal, das sich der französischen Operation angeschlossen hat, dürfte aus der Sicht der Bürgerkriegsparteien nur ein kleines Feigenblatt sein. Um nicht von den Rebellen der RPF der Parteinahme für die Regierung geziehen zu werden, sind die französischen Truppen peinlich auf Nichteinmischung bedacht. Das aber kann umgekehrt den wütenden Zorn derjenigen auslösen, die sich in ihrer Hoffnung auf Hilfe betrogen sehen. Und die RPF ist – entgegen den Behauptungen des Quai d’Orsay – keinesfalls gewillt, sich um den Sieg bringen zu lassen. "Wir marschieren weiterhin auf die Westgrenze zu. Wenn die Franzosen, die Wegbereiter des Völkermords, uns dabei in die Quere kommen, wird es einen Kampf geben", sagt der RPF-Generalsekretär Theogène Rudasingwa.

Wird die Präsenz der französischen Soldaten den Konflikt womöglich nur noch anfachen? Das befürchten viele Hilfsorganisationen und der Weltkirchenrat. Sie sehen bereits einen neuen Flüchtlingsstrom von bis zu einer halben Million Menschen voraus, der sich über die labilen Nachbarstaaten Zaire und Burundi ergießen könnte. Bei allem Mut und gutem Willen, Frankreich hat sich auf eine zweischneidige Mission begeben. Je früher das UN-Blauhelm-Kontingent – vorzugsweise mit afrikanischen Truppen und westlicher Unterstützung – in Kigali eintrifft und die Franzosen ablöst, desto besser.