Frank Levin ist sich ganz sicher. „Ein deutliches Nachgeben der langfristigen Zinssätze“ werde „trotz sinkender Inflationsraten und möglicherweise weiter nachgebender Leitzinssätze“ in Deutschland nicht möglich sein, teilte der Chefanalyst Renten der Süddeutschen Genossenschafts-Zentralbank AG in der vergangenen Woche seinen Kunden mit. Die Zinswende am deutschen Rentenmarkt sei „bereits vollzogen“.

So ähnlich denken offenbar immer mehr private Sparer und professionelle Investoren. Der weltweite Zinsanstieg bei festverzinslichen Wertpapieren hat den Optimismus des Jahres 1993 in sein Gegenteil verkehrt. Den Gipfel der Mutlosigkeit erreichten die Anleger am Montag vergangener Woche, als ein mittelmäßiges Aktienangebot zu übermäßigen Kurseinbrüchen führte, weil niemand mehr Aktien kaufen wollte.

Auch an anderen europäischen Börsen und an der Wall Street fielen die Kurse. Schon wurde das Ende des weltweiten Aufschwungs beschworen, der in Deutschland noch kaum begonnen hat.

Bei genauerer Betrachtung zumindest der deutschen Zinsentwicklung sind die Anzeichen einer Trendwende am Rentenmarkt jedoch keineswegs so offensichtlich. Der Verlauf der Umlaufrendite öffentlicher Anleihen zeigt, daß der Abstand des Marktzinses zur Inflationsrate – der Realzins – Ende 1993 mit etwa 1,7 Prozentpunkten auf das niedrigste Niveau seit Jahrzehnten gesunken ist. Im Durchschnitt der vergangenen fünfzehn Jahre betrug der Abstand rund 4,5 Prozentpunkte: Die Anleihekäufer haben 1993 in ihrem Zinsoptimismus übertrieben, der jüngste Zinsanstieg stellt eher eine Annäherung an die Normalität dar.

Das signalisiert im übrigen auch die Deutsche Bundesbank. Hätte sie Anlaß, den Zinsanstieg als erstes Zeichen wachsender Inflationsgefahren zu deuten, so würde der Zentralbankrat gewiß nicht zögern, auf die Geldbremse zu treten. Statt dessen begleiten die Währungshüter sogar eine unangemessene Ausweitung der Geldmenge mit Zinssenkungen in kleinen Schritten. Diskont- und Lombardsatz wurden zwar auf der jüngsten Routinesitzung in Potsdam unverändert gelassen, doch der sogenannte dritte Leitzins für Wertpapierpensionsgeschäfte wird stetig weiter herabgeschleust.

Auch die Wechselkurse signalisieren Vertrauen der Anleger in die Mark. Würden die Inflationsgefahren, die so lautstark überall herausposaunt werden, für Deutschland ernst genommen, so wäre gewiß mehr Kapital außer Landes gebracht worden. Darauf hätte die Mark eher mit einer Schwächeneigung reagiert. Tatsächlich aber ist der Kurs der Mark gegenüber fast allen Währungen gestiegen. Das läßt sich nur so interpretieren, daß viele Investoren ihr Geld zwar vom Rentenmarkt und von der Börse, nicht aber aus Deutschland abgezogen haben. Offenbar lauert viel Kapital auf Terminkonten, wo es die Geldmenge ungebührlich aufbläht, auf die nächste Chance.

Bei Termingeld erfreuen sich gewöhnlich Fristen von drei und sechs Monaten großer Beliebtheit. Im Dezember und Januar fand nachweislich die große Umschichtung auf die Festgeldkonten statt. Schon nach Ablauf der ersten Dreimonatsfrist sorgten wachsende Börsenumsätze im April und Mai 1994 für steigende Kurse. Der nächste Ansturm steht demnach im Sommer bevor, wenn die zweite Dreimonatsfrist der Terminkonten seit dem Jahreswechsel abgelaufen ist. Steigende Aktienkurse und sinkende Zinsen wären die Folge.