Die Sache muß einfach ans Licht. Neulich haben sie wieder gesungen. Derart laut, daß es fast die Choräle der schlagenden Verbindungen (zumal das Deutschlandlied, mit allen Strophen) über Bonns Innenstadtgärten hinweg übertönt hätte. "Jetzt hast Du die Macht, Prolet / Deine Faust greift das Gesetz / Und die Rote Fahne weht / Auf dem Dach des Stadtsowjets. / Darum vorwärts, vorwärts Bolschewik / Für Sowjet und Republik!"

Außer Majakowskijs Gesängen aus dem russischen Bürgerkrieg hatten die Sangesbrüder beispielsweise auch Johannes-R.-Becher-Lieder auf den Lippen, von denen folgende Fetzen herüberdrangen: "... wem dankt er das Gute und Schöne, / der deutsche Arbeitersohn? / Er dankt es dem Blut der Söhne, / der Helden der Sowjetunion..."

Oder, auch das noch: "Und höher und höher wir steigen, / durch Haß und Hohn. / Ein jeder Propeller singt jubelnd/Rotfront..." Wenn sie nicht weiterwußten, die Sänger, genehmigten sie sich ein Schlückchen Moët et Chandon oder Laurent Perrier oder Veuve Clicquot, es waren nämlich lauter Genießer versammelt, Mitglieder der Toskana-Fraktion, die auf den gewohnten Champagner halt nicht verzichten wollen.

Das also muß Helmut Kohl gehört haben, nachts im Kanzleramtspark, und so läßt sich ganz leicht erklären, was ihm in einem Gespräch mit Le Figaro über die Intellektuellen zu Hause einfiel. Sie seien ihm total gleichgültig. Diejenigen, die bei gewissen deutschen Magazinen arbeiteten, seien beleidigt, weil er sich nicht um sie kümmere. "Diese Intellektuellen wollen, daß ich mich ihnen zu Füßen werfe. Da würden mir die Beine zu sehr weh tun." Kohl dann: "Sie versammeln sich bei einer Flasche Champagner und singen die alten Arbeiterlieder, aber sie haben niemals unter den Arbeitern gelebt."

So spricht der Imperator. Er bestimmt alles und beruft alle, Herrn Staudacher als Staatssekretär ins Präsidialamt oder Jean-Luc Dehaene für Brüssel. Er läßt sich von Sat 1 den Flug nach Chicago sponsern, mit 250 000 Mark, er nimmt einen Adenauer-Preis aus Ziesels ultrarechter Deutschland-Stiftung entgegen. Alles ist erlaubt. Und wer herumkrittelt, über den muß er ganz gewaltig lachen. Rire, das ist das Wort, das, in Klammern gesetzt, am häufigsten auftaucht im Gespräch des Großkanzlers mit Le Figaro.

Gunter Hofmann