Von Robert Unterhuber

In den Niederlanden ist Herman ein Star. Er ist kein Fußballer, schon gar kein Politiker, sondern ein genmanipulierter Stier. Ein Fernsehportrait machte ihn populär: Ach, wie liebevoll Herman doch in seinem Stall eine streunende Katze ableckte! Hollands Herzen lagen dem Bullen zu Füßen. Transgen, aber schön.

Die ersten mit seinem Sperma gezeugten Kälber werden bald Milch geben, die mit einem entzündungshemmenden Wirkstoff angereichert ist. Größere Mengen sind nicht vor Anfang nächsten Jahres zu erwarten. „Demnächst in diesem Theater“, triumphiert George Hersbach, der Präsident der Firma Gene Pharming in Leiden, Hermans industriellem Ziehvater.

Der friesische Bulle Herman ist kein Chimärenwesen, das einer faustischen Phantasmagorie entsprungen ist. Er sieht so aus wie jeder x-beliebige Stier und ist doch einzigartig. Schon als embryonaler Vielzeller bestückten Biologen sein Erbgut mit einem zusätzlichen Gen und versetzten ihn so in die Lage, die Bauanleitung für das menschliche Eiweiß Lactoferrin an seine Nachkommen weiterzugeben. Das macht ihn wertvoller als jedes Rennpferd der Welt. Das rotgefärbte Protein kommt natürlicherweise – wenn auch in sehr geringen Konzentrationen – in Muttermilch vor. Es liefert den Babies Eisen und schützt sie vor Magen-Darm-Infektionen.

Die von Herman abstammenden Kälber sollen als Bioreaktoren Lactoferrin in nie gekanntem Ausmaß produzieren. Mit einer Herde transgener Kühe glaubt Gene Pharming schon bald den Weltbedarf an dem vielseitig verwendbaren Medikament aus vierbeinigen Arzneimittelfabriken decken zu können. 1995 könnten dann die ersten klinischen Studien beginnen. Vor zwei Jahren hatte das holländische Parlament mit großer Mehrheit für das von dem Biochemiker Herman de Boer ausgeklügelte Konzept votiert. Selbst einige Vertreter der Grünen hatten damals nach einer öffentlichen Anhörung für den gentechnisch aufgerüsteten Bullen gestimmt.’ Die Regierung fördert das Projekt mit annähernd 28 Millionen Mark. Eine Gallup-Umfrage ergab, daß acht von neun Holländern nichts gegen die Nutzung transgener Tiere zu medizinischen Zwecken einzuwenden haben.

Dennoch würde der niederländische Tierschutzverein Herman am liebsten sterilisieren lassen und auf einen Ferienbauernhof in Pension schicken. Einige Heißsporne forderten sogar die Abtreibung sämtlicher Föten, die Hermans Gene tragen. Mit seinem Samen künstlich befruchtete Kühe warfen bisher 55 Kälber. Davon kamen 23 mit genetischer Sonderausstattung zur Welt. Der Milchfluß der ersten Tochter Hermans wird in Leiden und bei der amerikanischen Mutterfirma GenPharm im kalifornischen Mountain View mit Spannung erwartet. Hochrechnungen ergeben eine Ausbeute von erstaunlichen ein bis zehn Gramm Lactoferrin pro Liter Milch. Bei 10 000 Litern, die eine Kuh während eines Jahres zu geben vermag, wären das ; bis zu hundert Kilogramm.

Das Eiweiß soll Patienten vor bakteriellen Infektionen bewahren, deren Immunsystem durch Chemotherapie oder durch Krankheiten wie Aids stark geschwächt ist. Nutricia, Hollands größter Produzent von Babynahrung, plant, die Lactoferrin-Milch als Muttermilchersatz auf den Markt zu bringen. Vielleicht kann man das Medikament eines Tages einnehmen, indem man die Milch in den Morgenkaffee gießt.