WISMAR. – Bei der anstehenden Bürgermeisterwahl hat kein Mann eine Chance. Die Hansestadt ist das Revier der Rosemarie Wilcken. 49 Prozent der Stimmen hat die Oberbürgermeisterin der SPD jüngst bei den Kommunalwahlen eingefahren, die absolute Mehrheit. Das schaffte kein anderer in Mecklenburg-Vorpommern. Doch jeder weiß, den Wismarern ging’s nicht um die Partei, sie wollten „die Rosi“.

Derzeit werden die Stadtoberhäupter von ihren Bürgerschaften ins Amt gewählt. Die Wismarer CDU hat den einzigen Gegenkandidaten zur Rosi gleich wieder zurückgezogen. Und parteiübergreifend heißt es im Landtag zu Schwerin: „Die Wilcken ist eine Frau von ganz großem Format.“

Äußerlich ist das Format der Rosemarie Wilcken eher klein und rund. Das lange blonde Haar kauert zu einem altmodischen Dutt zusammengerollt auf ihrem Hinterkopf. Ein Blick in den Spiegel: „Ich bin nicht modern.“ Kein Wunder, sie kommt aus strengem, gottesfürchtigem Hause. Ihr Vater war ein Wismarer Prediger der Landeskirchlichen Gemeinschaft, einer besonders frommen Zwergkirche. Und auch wenn seine Tochter Rosemarie, erdrückt von Enge und Heiligkeit, der Gemeinschaft bald den Rücken kehrte, sie bleibt die unbeirrbare Pfarrerstochter. Nur das Grundsätzliche zählt: Ehrlichkeit, Fleiß, Zuversicht. Ihre Arbeit ist Selbstausbeutung. Ihr Ziel das Überleben der Stadt.

Wie der Chef eines Unternehmens thront sie am Schreibtisch im Rathaus, den renovierten Marktplatz im Blick. Allmorgendlich dominiert sie die Generalstabssitzung mit den leitenden Angestellten aus der Verwaltung. Und alle sind wehrlos gegen ihren sportlichen Charme: Autorität kommt mit Mutterwitz daher, ein hartes Regiment mit einem Grinsen. „Es stört mich, Maschi“, sagt sie dem Chef des Umweltamtes, Herrn Maschkowitz, ins Gesicht, „wenn ich nicht weiß, was mein Mitarbeiter denkt.“ Der lächelt hilflos.

„Das geben Sie mir schriftlich“, fordert sie von einem anderen Mitarbeiter, der die billigste Firma für Abfallrecycling herausfinden sollte. Sie wird sein Ergebnis kontrollieren. Stichproben gegen Vetternwirtschaft.

Ähnlich geht’s in den Senatssitzungen zu. Wilcken wogend auf der einen, die Senatoren eher verzagt auf der anderen Seite des großen Konferenztisches. Sie ruft ab, unterbricht, mahnt, macht Dampf. Was ist aus den Häuserverkäufen geworden? Was hat der Investor hören lassen? Ist das schon wieder eingeschlafen? Der Ton streng und insistierend, schlagfertig und munter. Rosemarie Wilcken hat Freude an der Macht. Ihr Produkt ist die Dienstleistung. Ihre Firma heißt Wismar, und sie wird sie sanieren.

Wenn nötig mit Hilfe der PDS. Als einzige Stadt in Mecklenburg-Vorpommern hatte Wismar 1990 bis 1994 einen sozialistischen Senator. „Denn der Wählerwille muß sich im Rathaus widerspiegeln“, sagte Rosemarie Wilcken. Sie nahm die PDS in die Verantwortung. Nun, nach den Wahlen, stellt die SPD alle Senatoren allein. „Ich gehöre immer noch zu denen, die von ihr ernst genommen werden“, darauf ist der ehemalige PDS-Senator für Wohnungswesen, Herr Sieg, stolz, „ich kann manchmal Kritik üben, an ihrer Kleidung, an ihrer Politik. Ihre eigenen Leute trauen sich das oft nicht.“