Von Heinz Josef Herbort

Über die ließe sich freilich eine interessante Oper schreiben ... Alban Berg: „Lulu“, 1. Akt, 3. Szene

Echten Alltag, natürliche Wirklichkeit gibt es auf der Bühne nicht: natürliche Wirklichkeit ist keine Kunst Konstantin Sergejewitsch Stanislawskij

Fall A: In einer Zeit gewaltiger politischer Umbrüche, die begleitet sind vom Zerfall bislang verbindlicher Normen in Recht und Moral, versucht ein Provinz-Politiker die Macht zu usurpieren, wird aber durch einen weit raffinierter kalkulierenden und rücksichtsloseren Emporkömmling liquidiert. In dieser Phase zunehmender Indifferenz religiöser Überzeugungen und, als Folge, bequemer Liberalisierung menschlicher Lebensgrundsätze zieht eine Gruppe von Fundamentalisten die letzte Konsequenz – lieber geht sie in den Tod, als daß sie sich unter die offenbar angebrochene „Herrschaft des Antichrist“ beugte.

Fall B: Ein Mensch hält es nicht aus, ständig willenloses Objekt zu sein für die skrupellosen Menschenversuche eines Mediziners wie die Launen eines fast schon paranoiden Vorgesetzten, dreht durch, als die Mutter seines Kindes, sein letzter Lebenssinn, ihn betrügt; nach dem Mord an ihr geht er selber in den Tod.

Fall C: Ein jüdischer Offizier wird das Opfer von nationalistischem Rassismus; Vorwurf des Landesverrats, Verurteilung, Deportation; die belastenden Dokumente freilich waren von einem Karrieristen gefälscht – die Rehabilitation kommt für den völlig Zusammengebrochenen zu spät.

Fall D: Der Intellektuelle und die Militärdiktatur – ein Gefangener will dem Terror des Regimes entfliehen, läßt sich aber durch seine orthodoxgläubige Mutter für eine entscheidende Weile zurückhalten, die Flucht mißlingt; bis zuletzt vertraut er der Andeutung, begnadigt zu werden – und stirbt unter einer Salve im Exekutionshof.