ZEIT: Die Nachrichten über das Artensterben sind widersprüchlich. Manche Experten behaupten, jeden Tag sterbe eine Art aus, andere reden von hundert. Was stimmt nun?

Reichholf: Die Hochrechnungen liefern eine Spanne von zehn bis sechzig Millionen Arten auf der Erde. Wenn wir von der konservativen Schätzung – also zehn Millionen – ausgehen und die derzeitige Regenwaldzerstörung einbeziehen, bedeutet das, daß zwischen einer und fünf Arten pro Tag verschwinden. Denn viele Lebensformen kommen nur in winzigen Abschnitten des Regenwaldes vor. Wenn die höhere Schätzung der Wirklichkeit entspricht, müssen wir eine Null dranhängen. Das weiß im Augenblick aber keiner genau.

ZEIT: Sterben auch unsere Photolieblinge Panda oder Tiger aus?

Reichholf: Nein. Betroffen sind im wesentlichen Wirbellose, etwa Insekten. Oft unterscheidet diese Arten nur sehr wenig, etwa ein anderes Kopulationsorgan. Das Aussterben eines Säugetieres ist genetisch ein ungleich höherer Verlust.

ZEIT: Der Bevölkerungsdruck macht es immer schwieriger, Natur zu bewahren. Deshalb wird bereits gefordert, Tierarten und Schutzgebiete einzuteilen in wichtige und unwichtige, auf die man verzichten könnte. Was halten Sie davon?

Reichholf: Dahinter steckt die falsche Vorstellung, daß Ökosysteme wie Organismen funktionieren. Das ist, als ob man sagen würde, als ganzer Mensch kann ich nicht überleben, aber wenn ich einen Fuß oder eine Niere opfere, dann schaffe ich es. Ökosysteme sind keine Superorganismen. Sie sind offen, nehmen beliebige Zustände ein und brechen nicht zusammen. Menschen, Pflanzen und Tiere können sehr wohl nebeneinander leben, auch in dichtbesiedelten Gebieten. Es ist also viel wichtiger zu fragen, wie wir Problemarten, beispielsweise Tiger oder Elefanten, vernünftig managen. Wir sollten konkret denken und nicht in fiktiven Systemen.

ZEIT: Hat auch die ökologische Wissenschaft dieses falsche Naturverständnis geprägt?