Mit der jammernden Sirene erweckte das Schiff den Eindruck einer verwundeten Kuh, die vor irgendeinem unbekannten Schrecken flieht“, berichtete ein britischer Seeoffizier. Der ehemalige Musikdampfer war jetzt ein Flüchtlingsschiff, das vor der Küste Palästinas von zwei britischen Zerstörern in die Zange genommen und gerammt wurde. An Bord der Exodus 47 befanden sich 4554 jüdische Menschen aus Europa, im August 1947.

Als im Mai 1948 der Staat Israel gegründet wurde, galt vielen das Schicksal der Exodus als „Symbol der gewaltsamen Geburt ihres Staates“ (H. Siebecke). Seit 1949 strömten auch die Juden aus der islamischen Welt nach Israel. Der neue Staat wurde zum Schmelztiegel der Hoffnung: „Der Autobus quälte sich den Karmel hinauf, stotterte, schaltete und tuckerte dann weiter. Die Sonne spielte zwischen den Bäumen wie eine Rose aus roten Strahlen.“ Nuri sitzt in diesem Bus und hängt seinen Gedanken nach. Nuri ist Jude, er kommt aus dem Irak, geflohen in den jungen Staat Israel, bepackt mit dem Nötigsten.

Jetzt ist Nuri auf dem Weg in ein Übergangslager für jugendliche Einwanderer. Sein Blick wandert zurück auf das riesige Auffanglager, in dem er seine Eltern zurückläßt. Das Panorama aus der Höhe – nur einmal präsentiert Autor Eli Amir in seinem historischen Roman diesen Blick: auf der ersten Seite. Dann zieht es uns mit Nuri, dem Ich-Erzähler, von der Vogel- in die Nahperspektive: neue Gesichter, neue Freunde aus allen Erdteilen, neue Gedanken, Streit, Unsicherheit, Sehnsucht zurück und neuer Zusammenhalt. Der schwierige Weg in den Kibbuz, wo die demokratische Pädagogik, sozialistisch beflügelt, schon in der Latrine beginnt: „Ich werde keine Latrinen putzen!“ – „Wer nicht arbeitet, bekommt nichts zu essen.“ Ein Staat will werden.

Eli Amir erzählt faszinierend kraftvoll und lebendig, in seinen Dialogen wird Tacheles geredet. Soviel Ordnung wie nötig verleiht Amir seiner Erzählung, ohne das Tohuwabohu des jungen Staates zu einer übersichtlichen, geschlossenen Romanwelt zu verfälschen. Nuris Weg, das war einmal sein Weg, man spürt das allenthalben. Die Kluft zwischen den Juden aus Europa und aus der islamischen Welt ist ein durchgängiges Thema des Romans, der in Israel und Großbritannien „als Erwachsenenbuch“ erschien.

Mozart sei ein Zauberer, hatten sie ihm gesagt. Und eines Abends sitzt Nuri vor dem Plattenspieler und tastet mit der Nadel das Geheimnis der fremden Musik ab. Aber die kleine Nachtmusik bleibt in seinem Gehörgang stecken: „Die Platte war zu Ende. Ich setzte die Nadel zum dritten Mal auf. Nichts! Alles umsonst. Das wird niemals ein Teil von mir werden, ich werde niemals so sein wie sie.“ Nuri gerät das Gelobte Land zum Whirlpool der Selbstfindung. Und ehe er sich versieht, wollen sie ihn im Kibbuz zum „Politiker“ machen: „Nuri, rede!“

Ein offener Prozeß, ein offener Schluß. Nuri schläft ein, über sich ein Zeichen seiner doppelten Identität: ein Federvieh, nicht koscher geschlachtet: „Im Traum wirbelte über mir ein Huhn mit abgeschnittenem Kopf.“ Das ist die Farbe vom Anfang: „Die Sonne spielte zwischen den Bäumen wie eine Rose aus roten Strahlen.“ Reinhard Osteroth

  • Eli Amin