Von Carl-Christian Kaiser

Arnstadt zum Beispiel. Plötzlich taucht es auf in der sanft gewellten thüringischen Landschaft mit ihrem weitgespannten Himmel. Hier müssen die wunderbaren Linolschnitte des Leipziger Malers Wolfgang Mattheuer entstanden sein, wo sich Erde und Himmel in großen Prospekten berühren, mit ein paar fernen Häusern am Horizont.

Arnstadt hat überhaupt nichts Spektakuläres. Im Jahre fünf nach der Wiedervereinigung spricht die Werbebroschüre zuerst von Elektronik und Hochtechnologie, von einer Verkehrsanbindung erster Güte direkt an der Ost-West-Achse der Europäischen Union. Erst danach kommen die „mittelalterlichen Stadtmauern voller kultureller Vergangenheit“.

Aber sie sind das eigentliche Kapital. Wiederum nicht so sehr deshalb, weil es ein vorbildlich restauriertes Renaissance-Rathaus oder die Liebfrauenkirche aus der Übergangszeit von der Romanik zur Gotik gibt. Was vielmehr zählt, ist die ganze Innenstadt – ein mittelalterliches Ensemble, fast ohne besondere Bauten oder Prunk, doch eben darum sehr eindrucksvoll trotz Schäden und Verfall.

Im Süden flimmert die Kammlinie des Thüringer Walds. Da ahnt man schon die behäbigen fränkischen Flecken dahinter und weiß plötzlich: Es ist tatsächlich alles eins. Die Stacheldrahtgrenze war ganz willkürlich. Und in Arnstadt und anderswo ist das alte Deutschland gegenwärtiger als im Westen, nicht nur architektonisch. Darin steckt das Pfund, das sich touristisch mehren läßt.

Bevor es dazu kommt, muß freilich vieles wenn nicht gänzlich rekonstruiert, so doch restauriert und renoviert werden. Die – in ihrer letzten Form – barocke Arnstädter Oberkirche ist ein solcher schmerzlicher Fall. Sogar inmitten von Modergeruch, Baumaschinen, Materialstapeln, sogar mit aufgerissenen Wänden und Bodenlöchern, zeigt sie ihre Schönheit, im ganzen wie in Details, zum Beispiel bei den Bildtafeln voll biblischer Geschichte an der Empore. Noch 1947 war sie nach der Behebung von Kriegsschäden benutzbar. Aber dann gab es Dachschäden, und Einsturzgefahr drohte. Im Jahr 1977 mußte die Kirche geschlossen werden. Der Verfall ging rasch weiter – nun zunächst aufgehalten durch Trockenlegung, Verankerung der Wände, Sanierung des Dachstuhls und Erneuerung des Daches.

Dächer: Das ist ein Schlüsselwort. Er habe, berichtet der thüringische Landeskonservator Rudolf Zießler, allein in Erfurt 500 bis 600 Dächer, das heißt Baudenkmäler, die von oben her und durch die Erneuerung von Balken oder der ganzen Konstruktion überhaupt erst einmal gesichert werden müssen. Nach den Angaben des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz standen auf der zentralen Liste der DDR nur rund 50 000 Denkmäler verzeichnet. Die „Schnellerfassung“ nach westdeutschen Kriterien hingegen wird diese Zahl auf etwa das Fünffache erhöhen: 85 Prozent der historischen Wohnbauten, 65 Prozent der Schlösser und Burgen, 55 Prozent der kirchlichen Bauten, 50 Prozent der Baudenkmäler in öffentlicher Hand sind durch Vernachlässigung oder Leerstand akut gefährdet.