Von Fredy Gsteiger

Bern

Draußen vor dem Berner Bundeshaus demonstrieren Tausende von Frauen gegen eine Heraufsetzung des Rentenalters. Drinnen in ihrem Büro freut sich die zuständige Ministerin darüber. Ruth Dreifuß, 54jährige Sozialdemokratin, ist eben eine ungewöhnliche Frau.

Im steifen Berner Amtsjargon ist sie "Vorsteherin des Eidgenössischen Departements des Innern". Ein Monsterministerium, denn sie ist zugleich verantwortlich für: Soziales, Umwelt, Bildung, Wissenschaft und Technologie, für Sport, Gesundheit, Frauen und Jugend. Fortschrittliche Politik in der Schweiz zu treiben ist allerdings wahrhaft schwierig dieser Tage. Erst kürzlich mußte Ruth Dreifuß es erfahren. Als Kulturministerin wollte sie endlich die Kulturförderung in der Verfassung verankern. In einem Referendum stimmte zwar die Mehrheit der Schweizer zu, aber nicht die Mehrheit der Kantone, so daß die Initiative scheiterte. Gleichzeitig lehnten die Schweizer es ab, künftig Blauhelme zur Verfügung zu stellen und die Einbürgerung junger Ausländer zu erleichtern. Beide Vorlagen aber hatten Ruth Dreifuß sehr am Herzen gelegen.

3000 Mitarbeiter hat die Bundesrätin: Als sie vor gut einem Jahr antrat, begrüßte sie alle persönlich. Ihr Regierungsstil unterscheidet sich auch in anderen Punkten von hauptstädtischen Gepflogenheiten. Mit engen Mitarbeitern ist sie inzwischen per du. Ins Büro fährt sie mit dem Bus, und ihr Büro ist so unprätentiös eingerichtet wie zu Zeiten, als sie noch Gewerkschaftssekretärin war; ein Bonsai-Bäumchen und ein Poster mit Arbeitern sind der einzige Schmuck. Anders als ihr Vorgänger mag sie Autorität und Macht nicht zelebrieren. Und wen sie mit "bienvenue, willkommen" begrüßt, der darf dies ruhig wörtlich nehmen. Vor dem Phototermin schaut sie noch mal kurz in den Spiegel und meint, ein baldiger Friseurbesuch könne wohl nicht schaden.

Ruth Dreifuß ist erst die zweite Frau in einer Schweizer Landesregierung. Die erste stolperte nach kurzer Amtszeit über eine Indiskretion gegenüber ihrem Ehemann, einem umstrittenen Anwalt. Die zweite hätte eigentlich Christiane Brunner heißen sollen. Doch diese Genfer Gewerkschafterin war dem mehrheitlich bürgerlichen Parlament zu salopp, zu frech und – Skandal! – mehrfach geschieden. So wählten die Abgeordneten die Junggesellin, die, wie sie selber einräumt, biederer und braver wirkende Ruth Dreifuß, die gerne wandert und strickt und stolz darauf ist, bei sich zu Hause selber zu putzen.

Sie übersahen allerdings, daß sie Christiane Brunners "politische Zwillingsschwester" ist: Trotz ihres landesmütterlichen Äußeren ist Ruth Dreifuß ganz klar "links und feministisch". Sichtbares Zeichen, das sie als Brosche oder als Halskette ständig trägt: das Sonnenemblem. Es steht seit der Wahl für helvetische Frauenpower. Die Innenministerin will mit ihm zugleich jene Lebensfreude ausdrücken, die sie im Politgeschäft oft vermißt: "Politik muß eine Quelle von Mut und ein Ort der Begegnung sein." Ihr "Departement" nennt sie gerne das "Ministerium für den schweizerischen Alltag" oder auch das "Ministerium für die Fragen der Zukunft".