Von Reiner Luyken

Allenthalben trifft man auf dünnhäutige Verletzlichkeit. Dreihundert Jahre lang gehörte es zu den vornehmsten und einträglichsten Attributen eines englischen Gentleman, mit seinem Namen – und seinem Vermögen – für die Zahlungsfähigkeit von Lloyd’s, dem ältesten Versicherungsmarkt der Welt, geradezustehen. „A Lloyd’s name“ – das stand für „Prestige“.

Jetzt ist Lloyd’s am Ende. Eine britische Institution bricht zusammen, und es ist ein unerbauliches Schauspiel. A Lloyd’s name ist heute ein Synonym für den Sturz aus dem Hochmut. Die Gentlemen haben das Verlieren verlernt. Sie verbergen ihre Scham hinter der wohlformulierenden Rede ihrer Klasse und Schildern mit der Aufschrift „Privat – Zugang verboten“.

Am Ende des Tals steht das große Jagdhaus über dem Fluß. Wetterverblichene Farbschuppen blättern von rissigen Holzwänden. Ausgemergelte Schafe mit krätzig herunterhängendem Vlies nagen auf der kahlen Berglehne. Hirsche streichen wie Hyänen über die Hügelkante. Verwahrlosung nistet in jeder Ritze. Wo sind sie geblieben, die rauschenden achtziger Jahre? Die Sommerfeste, zu denen manchmal das ganze Dorf geladen war? Die mittsommernächtlichen Feuerwerke, die Tänze im mit Kiefernholz ausgekleideten Anbau? Die atemberaubenden jungen Damen der Londoner Gesellschaft, die off mit langem O wie in „Ofen“ aussprachen?

Wenn der Grundherr heute aus London auf sein Jagdgut kommt, quartiert er sich in dem klammen Dienstbotenhäuschen neben dem Hundezwinger ein. Das Jagdhaus wird an Sommergäste vermietet. Die früher mit schönen Orientteppichen ausgelegten Zimmer sind mit Betten und Pritschen vollgestopft wie ein Notlazarett. Der Sohn und Erbe wohnt mit Frau und Kind im Schäfercottage. Letztes Jahr hatte das junge Paar noch eine Nanny. Weil jede Nanny zugleich als Putzfrau und Köchin einspringen mußte, hielt keine es lange aus. Dieses Jahr gibt es keine Nanny mehr.

Lloyd’s of London rechnet erst drei Jahre nach dem Fall mit seinen Mitgliedern ab. Im April verkündigte die Institution ihre Verluste für 1991 – über zwei Milliarden Pfund. In vier Jahren machte die Versicherungsbörse ein Minus von 7,4 Milliarden Pfund. Von den über 400 Syndikaten, die zum Ende der achtziger Jahre unter dem Dach des supermodernen Richard-Rogers-Baus an der Lime Street Policen zeichneten, haben gerade 179 überlebt. Das Syndikat 298 zum Beispiel verlor in zwei Jahren 730 Prozent seines Einlagekapitals. Es gibt Pläne, das Rogers-Hochhaus in ein Shopping-Center zu verwandeln und in das bescheidenere, alte Gebäude zurückzuziehen. Von ehemals 34000 eingeschriebenen Mitgliedern der Syndikate prozessieren heute 20 000 gegen Lloyd’s. Dieser Tage flattern ihnen die neuesten Zahlungsaufforderungen ins Haus.

Richard Platts, von Beruf „Akademiker“, erhielt seine Forderung letzte Woche: 800 000 Pfund. Er lachte bitter, steckte sie in einen Aktenordner und schrieb einen unhöflichen Brief zurück. Sein Vermögen ist schon seit drei Jahren aufgezehrt. Er ist einer der 300 am übelsten mitgenommenen „Namen“, die jeder zwischen ein und zwei Millionen Pfund verloren. Er steht mit 1,2 Millionen in der Kreide. Wie es dazu kam, versucht er mit einem fahrig auf gelbes Papier gekritzelten Schema zu erklären. In ovalen Ringen eingekreiste Summen, Prozente und „Verfahrensregeln“ türmen sich zwischen blitzartigen Pfeilen wie ein dräuendes Gewitter übereinander, irgendwo steht noch „Profit“, dann versinkt alles in immer größeren Minuszahlen.